vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank

Aktionäre nehmen Achleitner ins Visier

von Redaktion

von rolf obertreis

Frankfurt – Die Deutsche-Bank-Chefs wechseln in jüngster Zeit in rascher Folge. John Cryan ist ebenso Geschichte wie Anshu Jain und Jürgen Fitschen. Auch Marcus Schenck, einst Chef des Investmentbankings, hat das Haus verlassen. Mit dem massiven Unmut der Aktionäre hat auf der Hauptversammlung daher nur einer zu rechnen: Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Schließlich ist er für die Rochaden verantwortlich.

Mehrere tausend Aktionäre werden am morgigen Donnerstag in der Frankfurter Festhalle ihren Blick vor allem auf Christian Sewing richten – auf den neuen, fast noch jugendlichen Chef an der Spitze des in den letzten Jahren von Skandalen, teuren Rechtsstreitigkeiten, hohen Verlusten und einer dramatischen Talfahrt des Aktienkurses gezeichneten Geldhauses. Der 48-Jährige gilt als Hoffnungsträger.

Es wird Sewings erster öffentlicher Auftritt, nachdem Achleitner ihn überraschend zum Nachfolger des glücklosen Cryan gekürt hat. Viel über seine Strategie hat er bislang nicht verlauten lassen. Hängen geblieben ist das Schlagwort von der „Jägermentalität“, die man zurückgewinnen müsse. Und dass Erträge und Gewinne viel zu niedrig, die Kosten viel zu hoch seien. Es würden harte Entscheidungen getroffen. „Wir werden kämpfen müssen“, sagt Sewing. Es wird vor allem die Investmentbank treffen und die Aktivität in den USA. „Unsere Wurzeln liegen in Europa“, sagt Sewing. Hier soll das Geschäft konzentriert werden. Der Umbau wird weitere Arbeitsplätze kosten. Dabei werden bis Ende des Jahres weltweit ohnehin schon 9000 Stellen gestrichen. 97 000 Beschäftigte sind offenbar immer noch zu viel.

Die Deutsche Bank hat in den letzten Jahren immer mehr an Boden verloren. Im Kapitalmarktgeschäft hat sie in den USA seit 2014 fast 40 Prozent der Erträge eingebüßt, hinkt meilenweit hinter US-Banken und europäischen Wettbewerbern hinterher. In anderen Bereichen des Investmentbankings sieht es nicht besser aus. Die Sparte bringt bei Weitem nicht die erhofften Gewinne. Im Gegenteil: Angesichts von Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe war sie in den letzten Jahren eigentlich defizitär. Im ersten Quartal verbuchte die Deutsche Bank einen mageren Gewinn von 120 Millionen Euro. US-Wettbewerber kamen auf Milliarden. Rating-Agenturen drohen mit einer schlechteren Einstufung. Die Aktie dümpelt um elf Euro herum, sie hat seit Jahresanfang 30 Prozent verloren. Analysen raten zum Verkauf.

Auch wenn Sewing noch keine detaillierte Strategie präsentiert hat – er greift durch. Cryan, Schenck und die scheidende IT-Chefin Kim Hammonds (die sich mit dem Satz über ihren Arbeitgeber „die unfähigste Firma, bei der ich je gearbeitet habe“ disqualifizierte) werden nicht ersetzt, der Vorstand schrumpft von zwölf auf neun Köpfe. Die Führungsgremien werden gestrafft. Zwölf Top-Manager müssen gehen. Viele Spitzen-Banker verabschieden sich freilich selbst. Sie wollen mit der Bank, deren Image mehr als angekratzt ist, nichts mehr zu tun haben.

Auch die Verbindung in die Wirtschaft leidet: Im Aufsichtsrat werden nach der Hauptversammlung keine Vertreter der deutschen Industrie mehr sitzen. Dafür holt Achleitner Investmentbanker aus New York und den als hemmungslosen Boni-Banker zu zweifelhaftem Ruhm gelangten John Thain, Ex-Chef von Merrill Lynch, in das Kontrollgremium. Auch Kontakte in die Politik sind rar. Einst galten sie als zu intensiv, heute fragt in Berlin kaum noch jemand, wie es um die Deutsche Bank steht. Rat holt sich die Politik dort ohnehin nicht mehr.

Dass auf ihn morgen heftige Kritik einprasseln dürfte, wird Achleitner kaum stören. Sein Vertrag wurde unlängst bis 2022 verlängert. Wichtige Stimmrechtsberater, nach denen sich große Fonds richten, wollen zwar kritische Fragen stellen, aber dennoch die Entlastung des Österreichers wie auch des Vorstandes empfehlen. Von den Großaktionären – das Scheichtum Katar, der Vermögensverwalter BlackRock und die chinesische HNA-Gruppe – ist zumindest offiziell kein Widerspruch zu erwarten. Dass Kleinaktionäre das Gegenteil fordern – für Achleitner kein Problem. Für Ex-Chef Cryan ohnehin nicht. Cryan wurde seit Anfang April in Frankfurt nicht mehr gesehen.

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