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Fachkräfte-Lücke verdoppelt sich bis 2030

von Redaktion

von manuela dollinger

München – Bayerns Wirtschaft brummt. Es herrscht beinahe flächendeckend Vollbeschäftigung im Freistaat. Ein Ende des Aufschwungs – der längste seit 1991 – ist nicht in Sicht. Die Kehrseite ist der Fachkräftemangel, der immer mehr Betrieben zu schaffen macht. Wie eine Umfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) ergab, sehen 64 Prozent der Unternehmen im Freistaat im Fachkräftemangel mittlerweile ein Risiko für ihr Geschäft. Vor sechs Jahren sorgten sich erst 35 Prozent. „Noch nie war die Lage so ernst wie heute“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen am Dienstag in München bei der Vorstellung des aktuellem Fachkräftemonitors, den die IHK jährlich vorlegt.

Nach den aktuellen Zahlen, die von dem BIHK gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut WiFOR erhoben werden, fehlen derzeit 260 000 Fachkräfte bayernweit, 103 000 davon in Oberbayern – verteilt über alle Branchen (siehe Grafik). Ein Plus um 33 000 Personen im Vergleich zum Vorjahr. Dabei macht sich die Lücke nicht in erster Linie bei Akademikern bemerkbar, vielmehr sind vor allem beruflich qualifizierte Mitarbeiter wie Industriekaufleute und IT-Experten gesucht. Allein in diesem Jahr betrage der Wertschöpfungsverlust für die bayerische Wirtschaft durch den Personalmangel 22,9 Milliarden Euro, erläutert Driessen. „Das entspricht 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung im Freistaat.“

Eine Besserung sei nicht in Sicht: Bis 2030 dürfte sich das Minus nach den Prognosen auf 542 000 fehlende Fachkräfte und knapp 51 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust mehr als verdoppeln. „Ein besonders drastisches Beispiel für den Mangel sind die erzieherischen und sozialen Berufe“, so Driessen. „Von heute 12 000 steigt der Fachkräftemangel in der Prognose auf 66 000 im Jahr 2030 an.“

Für Oberbayern geht die Prognose in etwa von einer Verdoppelung des Fachkräftemangels aus – 195 000 Menschen fehlen demnach im Jahr 2030. Der oberbayerischen Wirtschaft entgehen danach 18,3 Milliarden Euro an Wertschöpfung. Bereits heute sind es laut Berechnungen 9 Milliarden jährlich.

Der BIHK-Fachkräftemonitor zeigt zudem: Aufgrund des demografischen Wandels steigt das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer über alle Wirtschaftszweige von derzeit 43,7 Jahren auf 48,6. „Trotz Bevölkerungswachstum in Bayern wird das Fachkräftepotenzial so weiter schwinden“, erwartet Driessen.

Angesichts der Bedrohung der Wirtschaftskraft Bayerns müsse die Bekämpfung des Fachkräftemangels oberste Priorität haben, fordert der BIHK-Chef. Politik und Unternehmen müssten an einem Strang ziehen. So sei etwa die Schaffung von ausreichend bezahlbarem Wohnraum in Ballungszentren ein entscheidender Faktor für die Fachkräftesicherung. Auch „ungenutztes Potenzial“ gelte es für den Arbeitsmarkt zu heben: Jugendliche ohne Berufsausbildung, Langzeitarbeitslose, ältere Menschen und Behinderte. Auch Frauen, die häufiger in Teilzeit arbeiten, müsse man verstärkt als Fach- und Führungskräfte gewinnen, so Driessen. Dieses Potenzial werde derzeit unter anderem durch unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten begrenzt.

Am Ende werde das inländische Fachkräftepotenzial jedoch nicht reichen, rechnet Driessen vor. „Wir kommen um die Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften nicht herum, wenn wir das Problem ernsthaft lösen wollen“, so Driessen, der für ein entsprechendes Zuwanderungsgesetz plädiert.

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