München – Bis zu einer Milliarde Euro will der Versicherungsriese Allianz für eigene Aktien ausgeben. Das hat der Konzern gestern in München mitgeteilt. Das Rückkaufprogramm soll heute starten und am 30. September abgeschlossen sein. Seit Anfang 2017 hat die Allianz bereits mehrfach eigene Aktien zurückgekauft.
-Warum kauft die Allianz eigene Aktien?
Die Kassen der Allianz sind prall gefüllt. Eigentlich würde Konzernchef Oliver Bäte mit dem Geld gerne ein Unternehmen kaufen. Doch wegen der niedrigen Zinsen sind die Preise für Firmenzukäufe extrem gestiegen. Was derzeit am Markt zu haben ist, scheint Bäte offenbar zu teuer zu sein.
-Aber es gab doch Übernahmen?
Im vergangenen Jahr hatte die Allianz die Übernahme des britischen Versicherers Liverpool Victoria angeschoben. Zuletzt steckten die Münchner zwei Milliarden Euro in den Kauf des Kreditversicherers Euler Hermes. Bäte geht es aber um etwas anderes: Er würde am liebsten einen großen Sachversicherer übernehmen.
-Was haben Aktionäre von einem Aktienrückkauf?
Im Normalfall steigt der Aktienkurs. Hintergrund ist eine einfache Marktlogik: Das Unternehmen befeuert mit dem Aufkauf die Nachfrage und verknappt gleichzeitig das Angebot. Denn nach dem Kauf vernichtet das Unternehmen die Aktien in der Regel. Damit steigt der Aktienkurs. Der künftige Gewinn wird auf weniger Papiere verteilt. Aktien der Allianz legten gestern beispielsweise um zeitweise über drei Prozent zu. Es lässt sich aber nie eindeutig sagen, wie viele Prozentpunkte des Anstieges tatsächlich auf den Rückkauf zurückzuführen sind, zumal das Programm erwrartet worden war.
-Wäre die Ausschüttung in Form einer Dividende nicht transparenter?
„Natürlich könnte man das Geld den Aktionären auch in Form einer höheren Dividende ausschütten“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Aktienrückkäufe von deutschen Konzernen sind aber meist ein Zugeständnis an angelsächsische Investoren.“ Diese Investoren hätten vor allem den Aktienkurs im Blick. „Die Dividende ist eher unter deutschen Anlegern populär.“
-Welche Rolle spielen Rückkäufe in den USA?
Obwohl zuletzt auch viele europäische Konzerne Aufkaufprogramme gestartet haben, ist das Instrument vor allem in den USA populär. Nach Angaben des Investoren-Portals Investopedia haben die 500 US-Schwergewichte des Index S&P 500 im ersten Quartal dieses Jahres 189,1 Milliarden Dollar an eigenen Aktien zurückgekauft – ein neuer Rekord. Der US-Technologiekonzern Apple hatte demnach mit Rückkäufen in Höhe von 22,8 Milliarden Dollar den größten Anteil daran. Allerdings wirkt diese gigantische Summe aus dem ersten Quartal mittlerweile fast schon wieder mickrig: Im Mai hat Apple angekündigt, weitere 100 Milliarden Dollar in eigene Aktien stecken zu wollen.
-Warum sind Rückkäufe in den USA derzeit beliebt?
Die Steuerreform von US-Präsident Donald Trump hat Geld in die Kassen der US-Konzerne gespült, begründet Investopedia den US-Rekord. Manchmal stecken aber auch andere Gründe dahinter: Laut DSW sind in den USA die variablen Vergütungsbestandteile von Vorstandsgehältern oft an den Gewinn pro Aktie gekoppelt. Sinkt die Zahl der in Umlauf befindlichen Aktien, steigt der Gewinn pro Aktie. Mit einem Rückkauf könnten die Vorstände ihre Millionengehälter aufhübschen. Ein solches Motiv lässt sich vermuten, wenn ein Rückkauf kurz vor Jahresende angekündigt wird.
-Was halten Aktionärsschützer von den Rückkaufprogrammen?
„Grundsätzlich bin ich kein Freund von Aktienrückkaufprogrammen“, sagt Bergdolt. „Oft ist es ein Armutszeugnis dafür, dass der Vorstand keine Ideen hat für organisches Wachstum“, kritisiert sie.
-Wie wird das Vorgehen der Allianz bewertet?
„Bei der Allianz kann das Rückkaufprogramm wegen fehlender Kaufalternativen durchaus Sinn machen“, sagt Bergdolt. Das sei besser als eine „wilde Einkaufstour“. Bergdolt weist aber darauf hin, dass der Versicherer die Milliarde auch anders hätte verwenden können: „Beispielsweise hätte die Allianz eine eigene Universität gründen können, um den eigenen Nachwuchs auszubilden“, sagt Bergdolt. Qualifizierter Nachwuchs hätte langfristig für organisches Wachstum gesorgt und wäre damit den Aktionären zugutegekommen.