Die Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten wächst. Wir sprachen mit dem für Deutschland zuständigen Chefanlagestrategen des US-Investors Blackrock, Martin Lück, welche Folgen der Handelskonflikt sowie drohende Krisen in Italien und Griechenland für Anleger haben.
-Trotz aller internationaler Krisen hat sich die Konjunktur im ersten Halbjahr erstaunlich robust erwiesen. Wie geht es im zweiten Halbjahr weiter?
Das globale Wachstum dampft weiter positiv dahin. Wir sehen nach wie vor die Chance für positive Erträge. Wir sehen aber auch, dass die Unsicherheiten an den Finanzmärkten zugenommen haben. Stichwort Handelskrieg-Rhetorik: Die Märkte reagieren darauf zunehmend verschnupft. Noch wissen wir nicht, wie sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China weiterentwickelt. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Fragezeichen. Wir wissen nicht, wie der Haushalt in Italien aussehen wird. Genauso muss das Austrittsabkommen mit Großbritannien bis Oktober fertig sein, damit der Brexit halbwegs geordnet abläuft – das Thema hat momentan kaum jemand auf dem Schirm. Das sind alles unbeantwortete Fragen, die in der zweiten Jahreshälfte zu einer größeren Unsicherheit führen werden. Und am 6. November sind Kongresswahlen in den USA. Donald Trump wird kräftig twittern und seine Rhetorik noch einmal verschärfen.
-Nach den US-Zöllen auf Stahl und Aluminium und die Gegenreaktion der EU haben die USA nun Importe aus China mit Zöllen belegt und Trump droht, noch einmal nachzulegen. Stehen wir inzwischen vor einem großen Handelskrieg?
Ein regelrechter Handelskrieg ist ohne größere Schäden für die US-Wirtschaft gar nicht möglich. Das würde Trump relativ schnell auf die Füße fallen. 2002 hat George W. Bush ebenfalls Zölle auf Stahl eingeführt – 18 Monate später hat er sie wieder zurückgenommen, weil die Auswirkungen auf die Industrie im Mittleren Westen negativer waren, als er sich das vorgestellt hatte. Ausgeschlossen ist aber nicht, dass Trump die nächste Stufe noch zündet, um sich seine Stammwählerschaft für die Kongresswahlen zu sichern. China hat bereits zurückgeschlagen, nun könnte Trump darauf wieder reagieren. Das Erschreckende ist ja: Von dem ganzen Unsinn, den Trump bislang angekündigt hat, hat er einen Großteil versucht umzusetzen. Trump redet nicht nur, er handelt.
-Welche Folgen hätte eine Krise in Italien?
Wenn die italienische Regierung ihre Haushaltsversprechen einlöst, weitet sich das Budgetdefizit der Italiener auf sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – die Maastricht-Grenze liegt bei drei Prozent. Würde Italien das machen, laufen wir auf einen Konflikt in Europa zu. Und noch hat Europa keine Antwort darauf gefunden, wie eine krisensichere Eurozone aussehen könnte. Gleichzeitig braucht Deutschland Italien in der Flüchtlingsfrage. Damit ist ein Thema, das eigentlich mit der Eurozone gar nichts zu tun hat, auf einmal mit der Stabilität der Eurozone verknüpft.
-Die EU-Kommission ist davon überzeugt, dass Griechenland ab August wieder auf eigenen Beinen steht. Kommt diese Entwarnung nicht zu früh?
Ja, sicherlich. Man muss vor diesem Hintergrund wissen, dass es bei solchen Ankündigungen auch darum geht, den Märkten wieder Vertrauen zu schenken. Wenn die EU sagen würde: Griechenland ist ein hoffnungsloser Fall, würde das nicht funktionieren. Vor einem halben Jahr wäre eine Rückkehr Griechenlands an die Finanzmärkte aber deutlich einfacher gewesen. Da in Italien inzwischen eine populistische Regierung an der Macht ist, sind die Risikoaufschläge auch für Anleihen aus Griechenland und Portugal wieder gestiegen. Sie werden quasi in Mithaftung genommen. Für Griechenland ist es jetzt schwieriger geworden, sich wieder zu verschulden. Und da Griechenland noch immer nicht wirklich reformiert ist, habe ich meine Zweifel, dass das Land schon über dem Berg ist.
-Was bedeutet die Gemengelage letztlich für Anleger?
Unterm Strich bleibt eine Welt mit mehr Risiken, das ist nicht gut. Anleger sollten ihr Portfolio jetzt wetterfest machen und eher auf sichere Komponenten umschichten. Grundsätzlich bleiben wir aber verhalten optimistisch. Das Wachstum in den USA wird auf Jahressicht knapp drei Prozent betragen, das Wachstum in Europa wird etwa bei 1,8 Prozent liegen. Auch in Asien werden wir voraussichtlich keine großen Einbrüche erleben. Das Glas ist halb voll und nicht halb leer – auch wenn die politischen Risiken natürlich da sind.
Interview: Sebastian Hölzle