Farnborough – Es war eine der meistbeachteten Nachrichten am ersten Tag der Luftfahrtmesse im englischen Farnborough: Es könnte einen britischen Nachfolger für den Eurofighter geben: Tempest soll das Gerät heißen und unter Federführung des britischen Luftfahrtkonzerns BAE Systems entwickelt werden. Das würde bedeuten: In Zeiten des Brexit fasert die Europäische Luftfahrtindustrie weiter auseinander – allen Kooperationsbemühungen zum Trotz.
Der überschaubare europäische Markt für Militärflugzeuge mit noch überschaubareren Chancen auf den Weltmärkten wird nicht bereinigt. Kunden haben auch bei der nächsten Generation die Qual der Wahl. Denn erst am 25. April hatten Airbus Defence and Space und der französische Hersteller Dassault Aviation vereinbart, ein Kampfflugzeug der sechsten Generation zu entwickeln, einen gemeinsamen Nachfolger der französischen Rafale und des Eurofighter, das Future Combat Air System (FCAS).
Damit würden die Karten am Markt für Kampfflugzeuge neu gemischt: Bislang stand, wenn man die Gripen von Saab (Schweden) außer Acht lässt, Frankreich mit der Rafale allein gegen den Rest Europas. Das war Airbus (Deutschland, Spanien), BAE Systems (Vereinigtes Königreich) und Leonardo (Italien). Mit der Entscheidung von Airbus – der Konzern hält bisher 46 Prozent am Eurofighter Konsortium – für Dassault, ist dem bisherigen Gemeinschaftsunternehmen der größte Partner zumindest für neue Projekte abhandengekommen.
Es bleiben Tempest BAE Systems (33 Prozent) und Leonardo (21 Prozent). Dazu kommt noch der Flugmotorenbauer Rolls-Royce. Doch die Briten sind über den Triebwerkslieferanten Eurojet auch heute schon beim Eurofighter dabei. Dann soll auch der Lenkflugkörper-Spezialist MBDA an Bord sein. An dem Unternehmen ist aber neben BAE Systems (37,5 Prozent), Leonardo (25 Prozent) auch Konkurrent Airbus (37,5 Prozent) beteiligt.
Es ist schwer, sich einen Reim darauf zu machen: Ein deutlich kleineres Konsortium baut ein Nachfolge-Flugzeug für den Eurofighter, dessen Kosten bereits aus dem Ruder gelaufen sind. Dieses neue Flugzeug dürfte erheblich teurer werden, hat aber mit dem Vereinigten Königreich und Italien nur noch zwei statt vier Heimatmärkte.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich ausgerechnet die Briten und die Italiener langfristig an den US-Hersteller Lockheed-Martin und seinen F35 Joint Strike Fighter gebunden haben. Für den Auftrag bekam die Industrie in beiden Ländern erhebliche Produktionsanteile für die F35, die es in drei Variationen gibt, unter anderem auch als Senkrechtstarter. Zwar haben beide Länder ihre Anschaffungspläne mittlerweile eingedampft. Ganz aus den Verträgen dürften sie aber nicht herauskommen. Das schränkt den Spielraum für eigene Projekte spürbar ein.
Dabei kämpft der F35 mit Problemen, die bislang eher als europäische Spezialität etwa beim Airbus Militärtransporter A400M galten: Viele Köche haben den Brei verdorben. Weil die Wünsche zu vieler Auftraggeber berücksichtigt wurden, kann das Flugzeug theoretisch zwar vieles. Doch bei der praktischen Umsetzung mussten Kompromisse gefunden werden, die die beworbenen Fähigkeiten häufig einschränken. Die F35, die als Joint Strike Fighter, als gemeinsames Muster mehrerer US-Waffengattungen konzipiert ist, hat ähnliche Probleme.
Zwei Kritikpunkte allerdings dürften auch die jetzt geplanten künftigen europäischen Kampfflugzeuge betreffen. Die F 35 ist mit 1,6-facher Schallgeschwindigkeit vergleichsweise langsam und auch weniger wendig als beispielsweise ein Eurofighter oder eine ältere F16. Das allerdings ist Folge der Tarnkappentechnik, mit der sich ein Flugzeug fürs gegnerische Radar unsichtbar macht. Die äußerliche Ähnlichkeit der beiden europäischen Flugzeuge mit dem US-Modell hat damit zu tun, dass beide Flugzeuge ebenfalls zur Tarnung Stealth-Eigenschaften haben sollen (das englische Wort stealth bedeutet heimlich oder unbemerkt). Das Kalkül ist, gegnerische Flugzeuge bereits bekämpfen zu können, bevor diese den Tarnkappenflieger bemerken können.
Das klappt aber nur, falls nicht Entwicklungen der Sensortechnik die Tarnung ins Leere laufen lässt. Neu am FCAS ist, dass es in einem Verbund integriert werden und so von einem ganzen Schwarm Drohnen begleitet werden kann.
Die neue Lage mit einem weiteren europäischen Wettbewerber macht die Sache für beide europäische Verbünde nicht leichter. Die Rafale kommt nach derzeitigem Stand auf eine Stückzahl von knapp über 300. Der Eurofighter auf etwas mehr als das Doppelte. Viel besser dürfte die Marktlage für europäische Flugzeuge auch in Zukunft kaum werden. Dagegen ist bei der F35 allein in den USA mit 1700 Stück zu rechnen. Die bisherigen Verkäufe weltweit lassen mit einer Gesamtstückzahl von annähernd 3000 rechnen. Mit jedem zusätzlich verkauften Flugzeug sinkt der Anteil der teuren Entwicklungskosten pro Stück – und der zu kalkulierende Preis.