München – Nach den Betrieben der bayerischen Metall- und Elektroindustrie rechnet auch das oberbayerische Handwerk mit einem baldigen Ende des Booms. „Nachdem der Aufschwung im oberbayerischen Handwerk schon fünf Jahre anhält, ist es nur verständlich, dass der Scheitelpunkt der Hochkonjunktur langsam näher kommt“, sagte der Präsident des Bayerischen Handwerks, Franz Xaver Peteranderl, gestern in München. „Viele Indikatoren zeigen mittlerweile ganz leicht nach unten – allerdings bleibt das Niveau insgesamt unverändert hoch“, sagte der Kammerpräsident mit Blick auf die vierteljährliche Konjunkturumfrage unter Oberbayerns Handwerksbetrieben. So hätten die Betriebe im zweiten Quartal ihre Auslastung und die Auftragseingänge im Schnitt etwas schlechter bewertet als noch im Vorjahr.
Ein Ende der Hochkonjunktur bedeutet aber nicht, dass die Geschäfte in den Betrieben schlecht laufen. Es ist lediglich abzusehen, dass mit den hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre künftig nicht mehr zu rechnen ist. Das Wachstum verliert etwas an Tempo, bleibt aber positiv.
Am Dienstag hatten bereits die bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber mitgeteilt, der konjunkturelle Zenit in ihren Unternehmen sei überschritten. Die oberbayerischen Handwerksbetriebe scheinen diesem Trend nun etwas zeitversetzt zu folgen.
Die getrübten Aussichten führt Peteranderl auf zwei Ursachen zurück: Die größte Konjunkturbremse sieht der Kammerpräsident im fehlenden Handwerker-Nachwuchs. „Weiteres Wachstum wird vor allem aufgrund des Fachkräftemangels immer schwieriger“, betonte er.
Das zweite Hemmnis sieht Peteranderl in einem drohenden Handelskrieg. Die Verunsicherung in der Exportwirtschaft betreffe auch Zulieferbetriebe im Handwerk, sagte der Handwerkspräsident. „Deshalb haben wir die von Jean-Claude Juncker und Donald Trump verkündeten Zugeständnisse im Handelsstreit zwischen der EU und den USA mit Erleichterung zur Kenntnis genommen.“
Am Mittwoch hatte EU-Kommissionschef Juncker bei seinem Besuch in den USA mit Trump vereinbart, Gespräche über die Abschaffung von Zöllen auf Industriegüter beginnen zu wollen. Eine mögliche Einigung könnte den betroffenen Handwerksbetrieben wieder mehr Zuversicht bescheren und den Boom doch noch einmal verlängern.
Bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels hofft Peter-anderl auf Rückenwind von einer neuen bayerischen Staatsregierung nach den Landtagswahlen Mitte Oktober. Peteranderl fordert unter anderem, dass an den Gymnasien eine systematische Berufsorientierung weiter ausgebaut und fest etabliert wird. Der Handwerkspräsident geht davon aus, dass sich Abiturienten daraufhin verstärkt für eine Lehre statt für ein Studium entscheiden.
Für die Zukunft kann sich Peteranderl noch weit mehr vorstellen: „Im Prinzip sollte jeder Jugendliche eine Ausbildung durchlaufen“, sagte er. Jugendliche hätten damit eine klare Sicht darauf, was sie studieren wollen. „Und sie können immer wieder zurück in den erlernten Beruf, sollten sie mit dem Studium scheitern.“