neue konzernstrategie

„Die nächste Generation Siemens“

von Redaktion

von manuela dollinger

München – Es ist das Vermächtnis des Siemens-Chefs, dessen Vertrag 2021 ausläuft. Mit der „Vision 2020+“ legt Joe Kaser die Marschrichtung für die Zukunft fest. Anders als vor fünf Jahren, als Kaeser kurz nach Amtsantritt bereits mit seiner „Vision 2020“ einen Konzernumbau anschob, agiere man heute aus einer Position der Stärke, sagt der 61-Jährige bei der Vorstellung der neuen Strategie am Donnerstag in München. Siemens sei heute „great again“, so Kaeser. Starttermin für die Umsetzung der neuen Strategie ist der 1. Oktober. Ein halbes Jahr soll es dauern, bis die „nächste Generation Siemens“ perfekt ist. Wir erklären, welche Auswirkungen die Umsetzung der Strategie auf die Konzernstruktur, die Mitarbeiter und die Wachstumsziele hat.

Struktur

Kern der „Vision 2020+“ ist eine Reduzierung der bisher fünf Geschäftsbereiche. Künftig soll es drei „operative Geschäftsbereiche“ geben, die „deutlich mehr unternehmerische Freiheiten“ haben sollen. Dabei handelt es sich um das Kraftwerksgeschäft (Gas and Power), die Infrastruktur-Aktivitäten (Smart Infrastructure) und das Geschäft mit Digitalisierung und Automatisierung der Industrie (Digital Industries). Kaeser hält sich zudem die Möglichkeit offen, die drei Teilbereiche rechtlich noch zu verselbstständigen – was den Umbau zur Holding perfekt machen würde.

-Gas and Power mit rund 71 000 Mitarbeitern, 21 Milliarden Euro Umsatz und einer Gewinnmarge von derzeit neun Prozent soll in Houston im US-Bundesstaat Texas sitzen und von Lisa Davis geführt werden, deren Vertrag gerade verlängert wurde. Künftig soll die operative Umsatzrendite bei acht bis 12 Prozent liegen.

-Smart Infrastructure hat seinen Sitz in der Schweiz. CEO des Bereichs mit ebenfalls rund 71 000 Mitarbeitern (Umsatz: 14 Milliarden Euro, Marge: elf Prozent) wird Cedrik Nike. Künftig soll die operative Umsatzrendite bei zehn bis 15 Prozent liegen.

-Digital Industries – von Kaeser als „Diamant“ bezeichnet – ist der einzige Bereich, der auch künftig aus Deutschland gesteuert wird. Der Sitz der Einheit mit weltweit rund 78 000 Mitarbeitern, einem Umsatz von 14 Milliarden Euro und einer Marge von zuletzt 16 Prozent ist Nürnberg. Chef ist künftig Klaus Helmrich. Künftig soll die operative Umsatzrendite bei 17 bis 23 Prozent liegen. Neuester Zukauf der Einheit ist für 600 Millionen Euro das US-Software-Unternehmen Mendix, Spezialist für die Einwicklung von Apps. Das restliche Geschäft ist bereits größtenteils ausgegliedert. An den drei „strategischen Unternehmen“ hält Siemens jeweils die Mehrheit, beziehungsweise soll sie künftig (im Fall von Siemens Alstom) halten: Es handelt sich um den Windkraft-Spezialisten Siemens Gamesa sowie den Medizintechnikhersteller Health-ineers (beide an der Börse) und das geplante Zugunternehmen Siemens Alstom.

Teil des Umbaus ist zudem ein Zusammenlegen konzerninterner Dienstleistungen von Finanzen bis Immobilien, was die Effizienz steigern soll. Außerdem wird eine Art Reste–rampe geschaffen – mit kleinen und mittleren Geschäften, die sonst im Konzern nirgends Platz haben. Sie sollen saniert werden. Auch die Konzernforschung wird hier angesiedelt.

Zudem will Siemens stärker ins Beratungsgeschäft einsteigen und Kunden zum Beispiel helfen, Digitalisierungsstrategien rund um das Internet der Dinge (IoT) zu entwickeln. Der Bereich soll bis 2025 um zehn bis 15 Prozent wachsen. In der Zeit sollen hier rund 10 000 Mitarbeiter eingestellt werden, kündigte Kaeser an.

Mitarbeiter

Anders sieht es in der Konzernzentrale in München aus, in der derzeit rund 1200 Mitarbeiter beschäftigt sind. Die Zentrale werde künftig deutlich schlanker und gebe Aufgaben und Mitarbeiter an andere Einheiten ab, so Kaeser. „Sie wird sich auf Kernaufgaben beschränken.“ Gemeint sind damit etwa Verwaltung und Personalwesen. Wie viele Mitarbeiter und welche Abteilungen genau verlagert werden sollen, ist bisher nicht bekannt. Das sorgt für Unruhe am Wittelsbacherplatz. Fest steht jedoch, dass grundsätzlich kein Personal-Abbauprogramm mit der neuen Strategie verbunden sein soll. Zu den weltweit rund 376 000 Mitarbeitern sollen eher welche dazukommen, lässt Kaeser anklingen.

Auch das ist ein Grund dafür, dass Arbeitnehmervertreter Zustimmung signalisierten. „Eine Ausrichtung des Unternehmens auf die operativen Geschäfte ist richtig – wichtig ist dabei, alle Mitarbeiter mitzunehmen und Ängste zu vermeiden“, erklärt etwa Jürgen Kerner, der für die IG Metall im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. Den Weg in eine Holdingstruktur werde man nicht akzeptieren, stellt Kerner gleichzeitig klar.

Wachstumsziele

Derzeit sind vor allem die Auftragseingänge bei Siemens stark, die im dritten Quartal um 16 Prozent auf einen Wert von 22 Milliarden Euro zulegten. Der Umsatz sank jedoch um vier Prozent – hauptsächlich wegen des starken Euro und schlechter Geschäfte in der Kraftwerkssparte. Der Nettogewinn ging sogar um 14 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zurück (siehe Grafik).

Mit der „Vision 2020+“ legt Kaeser die Latte künftig höher. Statt um zwei bis drei Prozent sollen die Umsätze künftig um vier bis fünf Prozent pro Jahr wachsen. Ebenfalls zwei Prozentpunkte mehr sind für die operative Gewinnmarge nach Steuern und Zinsen angepeilt. 13 bis 14 Prozent sind damit das neue Margenziel. Daran wird sich Kaesers Nachfolger messen lassen müssen.

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