Kartellbedenken aus den USA

Linde sitzt die Zeit im Nacken

von Redaktion

von thomas magenheim-hörmann

München – Das unternehmerische Vermächtnis von Wolfgang Reitzle gerät ins Wanken. Als solches hat der 69-jährige ehemalige Automanager und Linde-Aufsichtsratschef die Fusion des Münchner Gasekonzerns mit seinem US-Rivalen Praxair geplant. US-Kartellwächter stellen die nun infrage, indem sie kurz vor Vollzug der Firmenehe zusätzliche Verkaufsforderungen stellen.

Dabei schien schon alles klar. Reitzle hat die Fusion gegen den Willen der eigenen Belegschaft und andere Widerstände auf die Ziellinie gebracht. Nun knirscht es völlig überraschend in den USA und die Frage ist, ob die offiziellen Vorbehalte auch die wirklichen sind. Es ist immerhin der Schatten von US-Präsident Donald Trump, der sich über die Pläne legt. „Ich kann es mir vorstellen, es ist realistisch“, sagt ein Insider zur Vermutung, es sei unausgesprochen Dublin, was die Fusion nun ernsthaft gefährdet. Denn in die irische Hauptstadt und damit ein EU-Land will der im Fusionsfall zum Weltmarktführer bei Industriegasen aufsteigende Konzern mit dann 27 Milliarden Euro Umsatz und 80 000 Beschäftigten seinen steuerlichen Sitz verlegen. Im Management von Praxair-Chef Stephen Angel und Kollegen kontrolliert sowie unternehmerisch gesteuert würde der Branchenriese zwar von den USA aus. Aber die Abwanderung von Firmensitzen aus den USA und speziell in die EU sieht Trump bekanntermaßen nicht gern.

Die US-Kartellbehörde FTC könne aber nur Wettbewerbsgründe anführen, um eine Fusion zu untersagen und nicht einen Firmensitz, erklärt ein Branchenanalyst. Was dagegen im Hintergrund läuft, weiß er ebenso wenig wie zumindest derzeit die Verantwortlichen bei Linde und Praxair. „Wir haben keine weiteren Informationen“, räumt ein Insider aus dem Kreis der Fusionspartner mit Blick auf die FTC ein. Falls die aber auf Zeit spielen wolle, könne das die Fusion scheitern lassen. Denn bis 24. Oktober muss alles geregelt sein. Dieser Stichtag ist nicht verlängerbar. „Der 24. Oktober ist die härteste Grenze“, betont auch ein Branchenanalyst. Zusätzliche Auflagen der FTC zum Verkauf weiterer Unternehmensanteile seien eher verkraftbar. Auch hier haben sich Linde und Praxair aber Limits gesetzt. Die liegen beim Verkauf von Firmenanteilen mit 3,7 Milliarden Euro Umsatz und 1,1 Milliarden Euro operativem Gewinn.

Größte Brocken sind ein bereits verabredeter Verkauf des US-Geschäfts von Linde an den deutschen Wettbewerber Messer und dessen Investmentpartner CVC. Praxair wiederum hat sich soeben bereit erklärt, große Teile des eigenen Europageschäfts an den japanischen Wettbewerber Taivo Nippon Sanso zu veräußern.

Was darüber hinaus die FTC noch als Fusionshindernis sieht, verrät Linde nicht und auch nicht, welche Geschäftsumfänge nun zusätzlich zur Disposition stehen. Die FTC bestehe auf weitere Veräußerungszusagen, erklärt der Münchner Traditionskonzern wortkarg. Es bestehe „eine höhere Wahrscheinlichkeit“, dass die Obergrenzen für eine Fusion „damit überschritten werden“. Optimistisch klingt anders.

Hinter den Kulissen dürften nun erst einmal die Drähte zwischen den Fusionspartnern heiß laufen. Zudem muss das Duo in Erfahrung bringen, ob die FTC lediglich auf weitere Verkäufe pocht oder politisch instrumentalisiert wurde und die Fusion über die Zeitschiene abwürgen will. Klar ist, dass potenzielle Käufer weiterer Firmenteile erst gefunden werden müssen und unter Zeitdruck erzielbare Verkaufspreise niedrig liegen dürften. Irgendwann rechnet sich dann auch eine Fusion wirtschaftlich nicht mehr.

Vor allem aber drängt die Zeit. Man müsse jetzt erst einmal analysieren, inwieweit sich die neuen FTC-Forderungen schnell genug umsetzen lassen, um eine rechtzeitige Freigabe des Zusammenschlusses zu erreichen, warnt Linde. Branchenkenner sehen auch ein Risiko, dass andere Kartellbehörden nach dem Veto aus den USA ihrerseits nachlegen könnten und sich eine Kettenreaktion in Gang setzt.

So prüft die EU-Kommission offiziell noch bis 24. August. Auch aus China und anderen asiatischen Ländern fehlt behördlicher Segen. Tot ist die Fusion zwar noch nicht. Aber ein echter Dealbreaker ist nun erstmals und zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt sichtbar geworden. Linde und Praxair steht fraglos ein in jeder Hinsicht heißer Sommer bevor. An der Börse hat der bereits begonnen: Die Aktie von Linde stürzte im Dax rapide ab: In der Spitze verlor das Papier fast zehn Prozent an Wert. Zum Handelsschluss lag das Minus bei rund 7,5 Prozent.

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