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„Die Schmerzgrenze ist überschritten“

von Redaktion

von manuela dollinger

München – In München und Danbury laufen seit gestern die Drähte heiß. Der geplante Zusammenschluss des Münchner Gasekonzerns Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair ist aufgrund neuer kartellrechtlicher Auflagen in Gefahr. Wie Linde am Mittwoch in aller Früh mitteilte, ist „auf Basis weiterer Rückmeldungen von Wettbewerbsbehörden nunmehr davon auszugehen, dass die umsatzbezogene Obergrenze für Veräußerungszusagen überschritten wird“.

Linde und Praxair wollen einen neuen Weltmarktführer für Industriegase schaffen. Um die Bedenken von Kartellbehörden auszuräumen, müssen sie Geschäfte verkaufen. Die Partner hatten sich selbst eine Obergrenze für den kartellrechtlich notwendigen Verkauf auferlegt. Beim Umsatz liegt diese bei 3,2 Milliarden Euro, beim operativen Ergebnis bei 1,1 Milliarden. Laut Fusions-Vereinbarung müssen beide Unternehmen Veräußerungszusagen oberhalb der beiden Grenzen zustimmen. Auch der Aufsichtsrat von Linde um Wolfgang Reitzle müsste sich wohl erneut mit dem Fusionsplan befassen. Wird man sich nicht einig, platzt der geplante Zusammenschluss. „Linde und Praxair setzen ihre konstruktiven Gespräche miteinander fort und diskutieren mit den Wettbewerbsbehörden, wie deren Anforderungen erfüllt werden können“, heißt es weiter in der Mitteilung von Mittwoch.

Welche Kartellbehörden den Unternehmen Steine in den Weg legen, wurde nicht mitgeteilt. Nachdem die EU die Fusion – unter Auflagen – am Montag bereits genehmigt hatte, steht noch kartellrechtlich grünes Licht aus sieben Ländern aus, wovon fünf von Bedeutung sind: China, Indien, Südkorea, Brasilien und die USA. Schwierig dürften die Gespräche vor allem mit den USA sein. Die Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission („FTC“) hatte bereits Anfang August bekannt gegeben, dass die geplanten Verkäufe in ihren Augen nicht ausreichend sind. Mindestens eine weitere Behörde hat nun wohl ähnliche Bedenken geäußert.

Um wie viel die Grenze von 3,2 Milliarden Euro voraussichtlich überschritten wird, ist unklar. Offizielle Zahlen gibt es nicht, mutmaßlich geht es um mehrere hundert Millionen Euro. Am Ende könnten es 4,5 Milliarden Euro sein, hört man. 20 Prozent mehr als gedacht – zu viel, findet mancher Aktionärsschützer.

„Es hieß immer, die Schmerzgrenze liegt bei 3,2 Milliarden Euro, nun wird diese Grenze überschritten – und zwar offenbar erheblich“, sagt Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Ich finde, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem man die Größe haben sollte, zu sagen: Wir lassen das Ganze.“ Linde sei nie ein Sanierungsfall gewesen. Auch alleine sei man für die Zukunft gut aufgestellt, findet die Aktionärsschützerin, die dafür plädiert, die Aktionäre einzubeziehen. „Es ist jetzt Zeit, dass es endlich eine Hauptversammlung gibt, in der die Aktionäre befragt werden“, so Bergdolt. Linde hatte anders als Praxair den Deal nicht den Aktionären zur Abstimmung auf einer Hauptversammlung vorgelegt.

Auch wenn die „Schmerzgrenze“ überschritten wurde – dass die Fusion nun abgeblasen wird, glaubt Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Investment, indes nicht. „Der Merger ist sowohl von Linde als auch von Praxair so sehr gewollt. Vor allem Herr Reitzle hat sich sehr deutlich dafür ausgesprochen. Ich bin davon überzeugt, dass die Fusion nach wie vor stattfinden wird“, sagt er. Ab wann der Merger keinen Sinn mehr mache, sei schwer zu beurteilen. „Je mehr Geschäft verkauft werden muss, umso schwerer wird es, Synergien zu erzielen. Die geplanten 1 Milliarde Euro galten anfangs als konservatives Ziel, jetzt würde ich sagen: Das Ziel kann zwar gehalten werden, aber die Fantasien von noch höheren Synergien sind dahin.“

Fest steht bereits, dass Praxair sein gesamtes Europa-Geschäft veräußern wird. Linde hatte bereits vereinbart, den Großteil seiner US-Geschäfte abzugeben. Für weitere Verkäufe drängt die Zeit. Laut Wertpapiergesetz muss die Fusion spätestens am 24. Oktober unter Dach und Fach sein.

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