Frankfurt – In der ihm eigenen Art hat sich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann immer zurückgenommen, wenn es darum ging, wer Mario Draghi im November 2019 als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) beerben sollte. Obwohl ihn die Aufgabe reizen würde. „Die EZB hat nur ein Ziel, nämlich Preisstabilität zu sichern. Unabhängig von der Person des Präsidenten müssen sich die Bürger im Euroraum darauf verlassen können“, sagte er erst vor wenigen Tagen in einem Interview. Obwohl der 50-Jährige schon gewusst haben muss, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) seine Kandidatur nicht unterstützen würde. Auch wenn sie Weidmann sehr schätzt, schließlich hat er jahrelang für sie im Kanzleramt gearbeitet. Doch die Bundeskanzlerin hat andere Prioritäten: Die Besetzung der EU-Kommission ist ihr wichtiger als die EZB.
Beobachter in Frankfurt sind nicht wirklich überrascht. Er habe einen Deutschen und damit Weidmann nie für das wahrscheinlichste Szenario für die Nachfolge von Draghi gehalten, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Natürlich hätte Kanzlerin Angela Merkel einen hohen Preis für Jens Weidmann zahlen müssen, der im Süden der Währungsunion wegen seiner Stabilitätsorientierung unbeliebt ist.“ Weil die Ursachen der Staatsschuldenkrise nach wie vor ungelöst seien, würden die Regierungen im Euroraum weiter auf Schützenhilfe durch eine geldpolitisch weich ausgerichtete EZB drängen, sagt Krämer. „Falken wie Weidmann haben deshalb ebenso wenig eine Chance wie der damalige Bundesbank-Präsident Axel Weber“. Ähnlich sieht es Thomas Heidorn, Bankenprofessor an der Frankfurt School of Finance. Das sei zu erwarten gewesen, die von Weidmann vertretene strikte Geldpolitik habe auch keine Mehrheit im EZB-Rat.
Commerzbank-Ökonom Krämer nennt den französischen Notenbank-Chef François Villeroy de Galhau oder den Finnen Errki Liikanen als möglichen Nachfolger Draghis. Möglicherweise wird es auch der Niederländer Klaas Knot. „Aber wer das genau sein wird, lässt sich heute schwer prognostizieren.“ Klar ist für Krämer: Weil Weidmann aus dem Rennen ist, „rückt der Kurswechsel an der Spitze der EZB in weite Ferne“. Bislang erwarten Ökonomen, dass die EZB den Leitzins frühestens im Spätsommer 2019 erhöht. Seit März 2016 steht er bei null.
Für Weidmann, der international geschätzt wird, auch wegen seiner fachlich unbestrittenen Kompetenz, ist es zwar ein Rückschlag. Allerdings dürfte es auch für ihn selbst nicht unerwartet kommen. Schließlich sind ihm die Konstellationen mit der Neubesetzung diverser politischer Ämter im nächsten Jahr in Europa und das politische Tauziehen darum bewusst. Im Rat der EZB wird er seine kritische Stimme weiter erheben. Er betont seit Monaten, dass es für die EZB an der Zeit sei, „sich an den Ausstieg aus der sehr expansiven Geldpolitik und den Sondermaßnahmen zu machen, insbesondere wenn man die möglichen Nebenwirkungen mit in den Blick nimmt“. Weidmann gilt als lauteste der wenigen kritischen Stimmen im 25-köpfigen EZB-Rat.
Seit Mai 2011 leitet Weidmann die Bundesbank, im April nächsten Jahres endet seine achtjährige Amtszeit. Im Gegensatz zum Job an der Spitze der EZB kann das Mandat des Bundesbank-Präsidenten verlängert werden. Die meisten der 10 000 Beschäftigten der Bundesbank wären erfreut, wenn der zweifache Familienvater weitere acht Jahre an der Spitze stehen würde. Unter kaum einem anderen Präsidenten war die Atmosphäre in der Bundesbank so angenehm wie unter Weidmann.