Analysten-Kritik

Deutsche Banken vor düsterer Zukunft

von Redaktion

Von Rolf Obertreis

Frankfurt – Deutsche Bank, Commerzbank, Volksbanken und Sparkassen sehen sich auf einem guten Weg. Aber internationale Investoren haben erhebliche Zweifel an den Instituten. Stuart Graham, weltweit einer der renommiertesten Bank-Analysten und Berater von rund hundert wichtigen Großinvestoren, sagt den deutschen Instituten eine düstere Zukunft voraus. Er wolle zwar nicht als Buhmann erscheinen, sagte der Brite gestern vor rund 300 Bankern auf einem Banken-Gipfel in Frankfurt. Aber es gebe erhebliche Defizite und kaum Hoffnung auf Besserung. „Fast alle meine Kunden halten deutsche Banken für keine gute Geldanlage“, so Graham. Dafür seien die Gewinne einfach zu niedrig.

Neuerliche Turbulenzen an den Finanzmärkten könnten für die Deutsche Bank sogar zu einer Katastrophe werden, betonte der Analyst. In Deutschland gebe es weiter zu viele Banken, der Markt sei verzerrt. Seit fast 30 Jahren liege die Eigenkapitalrendite der deutschen Institute im Schnitt bei nur vier Prozent. Wegen der niedrigen Zinsen, des schlechten Kostenmanagements und zu langer Entscheidungsprozesse könne sie mittelfristig weiter fallen. Bei der Digitalisierung sei der Druck durch Fintechs hoch und verhindere höhere Gebühren und damit steigende Einnahmen.

Nicht nur Banken, auch Bank-Kunden dürften die Ansichten des Analysten alles andere als gefallen: Laut Graham gibt es nach wie vor viel zu viele Filialen. „Apple hat in Deutschland 16 Stores, Aldi und Lidl haben 8000 Supermärkte und Sparkassen und Volksbanken jeweils 10 000 Filialen.“ Das ergebe keinen Sinn. Immer weniger Kunden kämen in die Filialen, weil sie ihre Bank-Geschäfte über das Internet abwickeln würden.

Analyst Graham wurde noch deutlicher: Deutsche Bank und Commerzbank würden kaum jemals eine angemessene Eigenkapitalrendite erzielen können. Das sei gerade für die Deutsche Bank ein Problem, weil sie für das Weltbankensystem große Bedeutung habe. „Ein Gau bei der Deutschen Bank würde das gesamte globale Finanzsystem erschüttern“, warnte der Brite. „Insbesondere die Deutsche Bank ist in den nächsten ein bis zwei Jahren in einer gefährdeten Position und braucht eine positive Entwicklung der Weltwirtschaft und die Märkte.“

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing räumte auf der Tagung ein, dass es mit 5500 in Europa zu viele Finanzinstitute gebe. „Europa braucht nicht möglichst viele Banken. Europa braucht vor allem starke Banken“, sagte er. Dazu gehört nach Ansicht von Sewing die Deutsche Bank, die auch an ihrem globalen Anspruch festhalte. Mit dem Aufräumen der Bilanz sei man vor allem bei Rechtsstreitigkeiten fast durch. „Jetzt geht es vor allem um die Profitabilität. Daran arbeiten wir Quartal für Quartal. Aber in 12 bis 18 Monaten müssen wir deutliche Fortschritte zeigen.“ Im zweiten Quartal habe man schon „die Kraft der Bank“ dokumentiert. Da war der Vorsteuer-Gewinn mit 400 Millionen Euro deutlich besser ausgefallen als von Analysten erwartet. Allerdings liegt der Aktienkurs mit weniger als zehn Euro nach wie vor tief im Keller. Sewing verwies auf der Tagung auch auf den US-Handelsstreit mit China und Europa sowie auf die Krise in der Türkei und die Entwicklung in Italien. „Die Welt ist anfälliger geworden für Schocks“, warnte er.

Commerzbank-Chef Martin Zielke will verstärkt auf die Digitalisierung setzen, aber auch an den Filialen festhalten. „Das ist unser Vorteil, dadurch haben wir direkten Zugang zu unseren Kunden.“ Dass die Commerzbank Anfang September wegen der niedrigen Bewertung sehr wahrscheinlich aus dem Dax scheiden und dem Zahlungsdienstleister Wirecard weichen muss, sieht Zielke gelassen, auch wenn die Commerzbank damit ein gutes Stück aus dem Fokus der von Graham beratenen Großinvestoren rückt. „Das ist natürlich nicht schön, aber es berührt unser Geschäft nicht.“ Allerdings es sei Ansporn, das Geschäftsmodell weiter zu digitalisieren.

Auch die Sparkassen setzen, so Verbandspräsident Helmut Schleweis, auf Digitalisierung, sehen weiter aber auch eine wichtige Aufgabe darin, in strukturschwächeren Gegenden präsent zu sein. Dort seien Filialen wichtig, so Schleweis. „Eine App reicht da nicht“, findet er. Ähnlich sieht es der genossenschaftliche Bankensektor (siehe auch Artikel unten). Gleichwohl investiere die Branche rund 500 Millionen Euro in die Digitalisierung, betonte die Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, Marija Kolak.

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