Durch das Wort-Labyrinth an die Börse

von Redaktion

In jüngster Zeit wagen sich wieder mehr Firmen an die Börse, nach zuletzt mageren Jahren. Allerdings ist das Fachvokabular der Experten bei Börsengängen alles andere als leicht zu verstehen. Wir erklären die wichtigsten Begriffe.

VON SEBASTIAN HÖLZLE

München – Nachdem es in der Folge der Finanzkrise vor zehn Jahren in Deutschland kaum zu Börsengängen kam, hat sich der Wind inzwischen gedreht: Allein in diesem Jahr hat die Börse in Frankfurt so viele Debüts registriert wie schon lange nicht mehr. Einer Studie der Unternehmensberatung EY zufolge lag die Zahl der Börsengänge dieses Jahr bislang bei 15 und damit bereits höher als im gesamten vergangenen Jahr.

Der größte Börsengang in diesem Jahr war bisher die Siemens-Gesundheitssparte Healthineers, die allein 5,3 Milliarden Dollar einsammelte. Für die kommenden Monate haben sich der Elektroroller-Hersteller Govecs sowie der Bremsenhersteller Knorr-Bremse – beide aus München – angekündigt. Auch das Münchner Online-Portal für Möbel, Westwing, strebt demnächst an die Börse. Bei einem Börsengang sammeln die Unternehmen Kapital bei Anlegern ein, um das Geld für Investitionen – beispielsweise in neue Fabriken – zu nutzen. Die Aktionäre werden damit zu Miteigentümern des Unternehmens.

Wir erklären die wichtigsten Begriffe rund um den Gang aufs Parkett.

Roadshow

Die Roadshow findet vor dem Börsengang statt. Das Unternehmen, das an die Börse will, versucht bei einer Roadshow das Interesse für die eigenen Aktien möglichst hochzuhalten. „Bei der Roadshow trifft sich das Management mit Investoren, um ihnen das Geschäftsmodell des Unternehmens zu erklären“, sagt Norbert Kuhn vom Deutschen Aktieninstitut in Frankfurt. „Das Management reist nach London, New York, Singapur oder Paris, um bei den Investoren für den Kauf der Aktien zu werben.“

Die Roadshow selbst wird von den Investmentbanken organisiert, die das Unternehmen für den Börsengang engagiert hat. „Investoren sind dabei Fondsgesellschaften, Versicherer, Pensionsfonds oder Staatsfonds. Gerade bei großen Börsengängen stammen die meisten Investoren häufig aus dem Ausland“, erklärt Kuhn.

Konsortialbank

Konsortialbanken unterstützen die Unternehmen bei der Emission von Wertpapieren. Mehrere Banken schließen sich für den Zweck des Börsengangs zusammen, in der Regel sind das die Investment-Abteilungen großer Banken oder reine Investmentbanken. Beispiele sind die Deutsche Bank, Berenberg, Goldman Sachs oder JP Morgan. Der Zusammenschluss ist das Konsortium. „Im Konsortium gibt es eine Führungsbank, den Konsortialführer“, sagt Kuhn. „Je mehr Banken am Konsortium beteiligt sind, desto mehr Investoren werden kontaktiert, das Unternehmen kann seine Aktien leichter am Markt platzieren. Finden sich zu wenig Investoren, wird der Börsengang im Extremfall wieder abgesagt.“ Das komme aber selten vor.

Prospekt

Ein Wertpapierprospekt enthält laut Deutscher Börse alle wesentlichen Informationen über die Aktie und über den Emittenten, insbesondere die Unternehmensstruktur, die Finanzlage, die Geschäftstätigkeit sowie Angaben zu den an der Emission beteiligten Organen und Gesellschaften. Jeder Emittent muss demnach einen Wertpapierprospekt veröffentlichen. Die zuständige Aufsichtsbehörde Bafin mit Sitz in Frankfurt prüft das Dokument zuvor auf Vollständigkeit und Verständlichkeit. Spätestens einen Werktag vor dem Börsengang muss der Wertpapierprospekt veröffentlicht werden.

Preisspanne

Der etwas komplizierte Prozess zur Berechnung der Preisspanne nennt sich Bookbuilding-Verfahren. Und das funktioniert so: Vor Beginn des Bookbuildings sprechen die Konsortialbanken potenzielle Großanleger auf ihre Investitionsbereitschaft an, erklärt die Deutsche Börse. „Auf Grundlage dieser Gespräche einigt sich das Konsortium mit dem Emittenten auf eine Bandbreite für den Emissionspreis, die 10 bis 15 Prozent betragen kann.“ Dann folgt die Zeichnungsperiode, sie dauert normalerweise acht bis zehn Tage. „Während dieser Zeit vermerken die Konsortialbanken eingehende Zeichnungswünsche in Orderformularen und geben sie an die konsortialführende Bank weiter“, heißt es weiter. Dann lege der sogenannte Bookrunner in Abstimmung mit dem emittierenden Unternehmen einen einheitlichen Platzierungspreis fest.

IPO

Am Tag des Börsengangs ist oft vom IPO die Rede. Die Abkürzung IPO steht für Initial Public Offering – also das erstmalige öffentliche Angebot von Wertpapieren eines Unternehmens in Form eines Börsengangs. Allerdings ist nicht jeder Börsengang ein IPO: „Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, unterscheidet man zwischen einer Neuemission, das ist der IPO, und einer Notierungsaufnahme“, sagt Aktien-Experte Kuhn. Bei einer Notierungsaufnahme würden die bestehenden Aktien der Alteigentümer an die Börse gebracht und handelbar gemacht. „Bei einem IPO kommt zusätzlich hinzu, dass nicht nur die bestehenden Aktien ausgegeben werden, sondern gleichzeitig eine Kapitalerhöhung stattfindet und zusätzlich Aktien geschaffen werden, die im Rahmen der Neuemission an die Anleger verkauft werden“, sagt Kuhn.

Prime Standard

Der Prime Standard ist ein Teilbereich des Börsenhandels, bei dem die Unternehmen besonders hohe Transparenzstandards erfüllen müssen. „Im Prime Standard sind die Anforderungen am höchsten“, sagt Kuhn. Die Aufnahme in den Prime Standard setzt beispielsweise voraus, dass das Unternehmen eine Bilanz nach den internationalen Rechnungslegungsstandards erstellt und regelmäßig Quartalsberichte veröffentlicht. Auch müssen Unternehmen des Prime Standards mindestens einmal im Jahr eine Analystenkonferenz durchführen. Unternehmen, die diesen hohen Anforderungen nicht gerecht werden, haben keine Möglichkeit, in einen der Leitindizes Dax, MDax, SDax oder TecDax aufgenommen zu werden.

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