Frankfurt – Ein massiver Kursrutsch in den USA hat am Donnerstag die Börsen weltweit nach unten gezogen. Nach dem Absturz der Kurse an der New Yorker Wall Street am Mittwoch (der Leitindex Dow Jones verlor rund 830 Punkte – der größte Verlust seit Februar) schwappte der Abwärtstrend über Nacht zunächst nach Asien. Der Nikkei-Index der 225 wertvollsten japanischen Unternehmen sackte um fast vier Prozent ein. An der Börse im chinesischen Shanghai gaben die Kurse um mehr als fünf Prozent auf den tiefsten Stand seit November 2014 nach. Auch die Börsen in Europa rutschten ins Minus. Der Dax sank bis Börsenschluss um 1,48 Prozent auf 11 539,35 Punkte. Im Tagestief hatte er 1,7 Prozent eingebüßt und war auf den tiefsten Stand seit Anfang Februar 2017 gesackt.
Als einen Grund für den Kurssturz an der US-Börse nannten Analysten Sorgen vor weiteren Zinsanhebungen, aber auch die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China sowie die Unklarheit über den Brexit.
Die US-Notenbank Federal Reserve hat bereits im vergangenen Jahr eine Zinswende eingeleitet – seitdem erhöht sie in kleinen Schritten den Leitzins. US-Präsident Donald Trump, erklärter Gegner der Zinspolitik, machte auch prompt die Notenbank für die Verwerfungen an den Börsen verantwortlich. Bei einem Auftritt im US-Bundesstaat Pennsylvania gestern sagte er, die Zentralbank sei „verrückt geworden“. Er warf der Notenbank vor, die Leitzinsen zu schnell anzuheben. „Ich denke, die Fed macht einen Fehler.“ US-Finanzminister Steven Mnuchin widersprach seinem Präsidenten. Die Fed sei nicht verantwortlich für den Kurssturz an der Wall Street, sagte Mnuchin dem US-Sender CNN am Rande der IWF-Herbsttagung auf der indonesischen Insel Bali. „Ich denke nicht, dass es Nachrichten waren, die aus der Fed kamen, die es nicht schon vorher gab.“ Märkte „gehen hoch und Märkte gehen runter“.
Die Fed hat in diesem Jahr drei Mal den Leitzins erhöht, ein vierter Schritt erscheint wahrscheinlich. Notenbank-Chef Jerome Powell machte zuletzt Andeutungen in diese Richtung. „Die Angst vor schnell steigenden Zinsen war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, glaubt Carsten Mumm, Chefvolkswirt beim Bankhaus Donner & Reuschel. „Die tiefer liegenden Gründe sind aber in der allgemeinen Gemengelage zu suchen: der Handelskrieg, die Italien-Problematik in Europa, die steigenden Ölpreise und die steigenden Zinsen. Da kommt einiges zusammen“, so Mumm. Zudem laufe es bereits seit geraumer Zeit in einigen Börsensegmenten schlecht. Eine Korrektur sei überfällig gewesen. „Anlass, sich um die Verfassung der Märkte Sorgen zu machen, gab es zuletzt zuhauf“, kommentiert auch Christian Schmidt von der Landesbank Helaba. Vermögensberater Jens Ehrhardt verwies in seiner jüngsten Aktienanalyse ebenfalls auf den Handelskrieg mit China, „der weiter eskalieren dürfte“, sowie das Problem Italien, das „längerfristig eine extreme Belastungsprobe für Europa werden wird“.
Mancher Analyst sieht in der Gemengelage genug Sprengstoff, um einen Börsencrash auszulösen. Chefvolkswirt Mumm sieht das anders. „Es besteht keine Gefahr eines großen Crashs wie 2008“, sagt er. Dafür sei die fundamentale Lage zu gut. „Allerdings kann es durchaus noch weiter nach unten gehen – beim Dax bis unter 11 000 Punkte“, so Mumms Prognose. Potenzial nach oben sieht er erst wieder, wenn sich der von den USA ausgehende Handelskrieg entspannt hat. Doch dafür gebe es derzeit keine Anzeichen, so Mumm.
MANUELA DOLLINGER