München – Börsengänge sind momentan keine Selbstläufer. Der Stuttgarter Chip-Anlagenbauer Exyte hat sein Börsendebüt jüngst verschoben. Beim Münchner Online-Möbelhändler Westwing ist die Aktie nach Handelsbeginn am Dienstag auf Talfahrt gegangen. Ein solches Schicksal will sich das bisherige Familienunternehmen Knorr-Bremse tunlichst ersparen.
Den Ausgabepreis für ihre Aktie, die heute in Frankfurt in den Börsenhandel geht, haben die Bayern jedenfalls auf 80 Euro festgelegt und damit recht genau in die Mitte der von 72 bis 87 Euro reichenden Angebotsspanne. Das lässt für den Handelsbeginn Spielraum nach oben. Versilbert werden 30 Prozent der Anteile, die ausschließlich aus dem Besitz von Firmenpatriarch Heinz Hermann Thiele und seiner Familie stammen. Die Milliardärsfamilie macht das um knapp 3,9 Milliarden Euro reicher.
Das Frankfurter Parkett hat den zweitgrößten der bislang insgesamt 16 Börsengänge des Jahres nur knapp hinter dem der Siemens-Tochter Healthineers platziert, der 4,2 Milliarden Euro eingebracht hat. In beiden Fällen haben die neu börsennotierten Unternehmen mangels Kapitalerhöhung finanziell nichts davon. Insgesamt ist Knorr-Bremse der sechstgrößte Börsengang, der jemals in Deutschland über die Bühne gegangen ist.
Der Weltmarktführer bei Bremsen für Nutzfahrzeuge und Züge wird zum Start mit knapp 13 Milliarden Euro bewertet und gilt als heißer Kandidat für den deutschen Nebenwerteindex MDax. Wohin die Reise geht, muss der Freitag zeigen. Die Chancen für ein erfolgreiches Debüt stehen nicht schlecht.
Wegen übergroßer Nachfrage wurde die Angebotsfrist verkürzt. „Wir freuen uns über das hohe Anlegerinteresse“, meinte Konzernchef Klaus Deller. Das stammt zu großen Teilen von Großanlegern aus Deutschland, aber auch aus Großbritannien und den USA. Dort sind mit Wabtec und Wabco bereits zwei große Wettbewerber börsennotiert. Nun zieht Knorr-Bremse nach.
Auch ein Streit mit dem Partner Bosch hat das nicht verhindern können. Die Stuttgarter werfen den Münchnern vor, ihnen absprachewidrig bei Lkw-Lenksystemen Konkurrenz zu machen. Deshalb sieht sich Bosch vertraglich berechtigt, aus gemeinsamen Geschäften auszusteigen, wurde im Börsenprospekt von Knorr-Bremse enthüllt. Die Münchner, die ein solches Rückgaberecht verneinen, sollen Bosch-Anteile im Wert von 380 Millionen Euro zurückkaufen. Auch Lastwagen und Busse sowie Züge werden künftig wie Roboterautos immer mehr autonom fahren. Dabei kommt intelligenten Bremssystemen eine entscheidende Rolle zu.
Der Börsengang regelt auch das Erbe des 77-jährigen Thiele, der in der Familie keinen Nachfolger gefunden hat. Mit Sohn Henrik hat sich Thiele dem Vernehmen nach vor drei Jahren überworfen. Thiele hatte das Unternehmen in den 80er-Jahren in einer Krise übernommen und lange selbst geführt, bevor er vor zwei Jahren dann auch den Aufsichtsratsvorsitz abgegeben hatte. Heute ist er Ehrenvorsitzender dieses Gremiums. Intern läuft aber noch immer nichts Entscheidendes ohne den Patriarchen, versichern Insider. 70 Prozent aller Aktien von Knorr-Bremse und damit das Sagen bleiben ohnehin bei Thiele und einer Familienholding.