„Gute Versorgung hängt nicht von der Zahl der Kliniken ab“

von Redaktion

INTERVIEW AOK-Bayern-Chefin Irmgard Stippler hält einen Strukturwandel im Gesundheitswesen für notwendig

München – Die Volkswirtin Irmgard Stippler leitet als Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern die mit rund 4,5 Millionen Versicherten viertgrößte Krankenkasse Deutschlands.

Frau Stippler, Sie sind seit März Chefin der AOK Bayern. Wie gut haben Sie sich eingearbeitet?

Sehr gut. Ich wurde toll aufgenommen und fühle mich sehr wohl.

Dann erlauben wir uns gleich mal eine kleine Testfrage: Wie hoch sind die Rücklagen der AOK Bayern?

Unsere Finanzreserven entsprechen rund 1,1 Milliarden Euro. Aber wir geben täglich auch fast 40 Millionen Euro für die Gesundheitsversorgung aus. Die Reserve liegt also bei ungefähr einer Monatsausgabe.

Insgesamt haben die Kassen rund 20 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Gesundheitsminister Jens Spahn will sie deshalb dazu zwingen, Reserven abzubauen, indem sie die Zusatzbeiträge senken. Eine gute Idee?

Um es klar zu sagen: Wir sind nicht diejenigen, die über besonders hohe Reserven verfügen. Ich glaube aber dennoch, dass jede Kasse zumindest ein Polster von mindestens einer Monatsausgabe haben sollte. Ich würde mir sogar etwas mehr wünschen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, wie wichtig es ist, für schwierigere Zeiten vorzusorgen. Dazu brauchen wir Reserven.

Bevor Spahn die Reserven angreift, muss er ohnehin erst den umstrittenen Finanzausgleich zwischen den Kassen reformieren, über den allein 2018 mehr als 220 Milliarden Euro verteilt wurden. Die Konkurrenz beklagt, die AOK-Kassen bekämen dabei zu viel ab, und sie selbst zu wenig.

Alle sollten sich doch einig sein, dass der Gesundheitsfonds nicht dazu da ist, um Kassen zu subventionieren. Es geht doch stattdessen darum, dass das Geld dorthin fließt, wo es gebraucht wird. Also zu den Versicherten, die es benötigen, weil sie krank, alt oder hilfsbedürftig sind. Das ist die Grundidee einer solidarischen Gesundheitsversorgung.

Der Finanzausgleich funktioniert also wie er soll?

Ja, auch wenn man ihn noch zielgenauer gestalten kann. Jetzt werden im Ausgleich 80 Krankheiten berücksichtigt, für die es Zuschläge gibt. Aber gerechter wäre es, alle Krankheiten zu berücksichtigen. Zudem hat die Wirtschaftlichkeit einer Kasse nicht nur etwas mit den Einnahmen, sondern immer auch etwas mit den Versorgungsausgaben zu tun. Es geht zum Beispiel auch darum, welche Verträge man selbst mit den Gesundheitspartnern aushandelt. Die Gestaltung der Versorgung wird in Zukunft noch wichtiger werden.

Was meinen Sie damit?

Wir müssen sicherstellen, dass auch dann weiterhin alle Menschen Zugang zu qualitativ guter Medizin und Pflege haben, wenn die Konjunktur nicht mehr ganz so gut laufen wird wie zuletzt. Um zukunftsfähig zu sein, brauchen wir einen gesunden Wettbewerb und den Mut aller Partner im Gesundheitswesen zum Strukturwandel. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir endlich die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen, um die Abläufe effizienter zu machen und die Versorgung zu verbessern.

Apropos Effizienz: Ihr Amtsvorgänger Helmut Platzer war der Meinung, es gebe mehr Krankenhäuser als nötig. Sehen Sie das auch so?

Es zählt doch für die Patienten, dass sie gut behandelt werden und eine gute Versorgung hängt für mich nicht von der Zahl der Krankenhäuser ab. Wir brauchen jetzt einen Zukunftsplan, der die Fragen beantwortet: Wie viel Grundversorgung durch kleinere Häuser auf dem Land ist nötig? Und wo sollten stattdessen besser Gesundheitszentren die ambulante und stationäre Versorgung verzahnen? Die Menschen sind auch bereit, für planbare Operationen längere Wege in Kauf zu nehmen, wenn sie dafür gute Qualität erhalten. Notwendig sind Zentren für spezialisierte Leistungen. Qualität muss dabei immer der Kompass sein.

Woran erkennt man Qualität?

Das lässt sich an verschiedenen Indikatoren messen. Zum Beispiel auch daran, wie viele Eingriffe einer bestimmten Art eine Klinik vornimmt. Wenn komplexe Operationen selten durchgeführt werden, gibt es häufiger Komplikationen, während Routine Fehler verhindert. Bei der Suche nach der richtigen Klinik hilft Patienten auch der „AOK-Krankenhausnavigator“ im Internet.

Zusammengefasst von Sebastian Horsch

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