„Einen Crash halte ich für ausgeschlossen“

von Redaktion

INTERVIEW Der Fondsmanager Jens Ehrhardt über die Nervosität am deutschen Aktienmarkt

Unruhe an den Märkten: Der Dax ist gestern weiter unter Druck geraten, zeitweise fiel der deutsche Leitindex auf unter 11 300 Punkte – der tiefste Stand seit zwei Jahren. Wir sprachen mit dem Fondsmanager Jens Ehrhardt über die Ursachen.

Herr Ehrhardt, was ist los an den Börsen?

Eigentlich hätte Deutschland eine so schlechte Börse nicht verdient. Die Bewertungen sind im internationalen Vergleich niedrig, vor allem im Vergleich zu den USA.

Warum stoßen Anleger trotzdem massenweise deutsche Aktien ab?

Die Ursachen liegen in den USA. Dort sind die Börsen stark unter Druck. Das hängt zum einen mit der Handelspolitik Trumps gegen China zusammen und zum anderen damit, dass die US-Notenbank inzwischen auf die Bremse getreten ist. Selbst Aktien von kleinen US-Unternehmen, die sich zuletzt noch gut gehalten hatten, fallen auf einmal um wie Steine. Auch die Tech-Aktien, die sich in den USA als einzige Aktiengruppe weltweit zuletzt gut entwickelt haben, fallen plötzlich zurück.

Was hat das mit dem deutschen Aktienmarkt zu tun?

Aktien aus Deutschland sind heute kaum noch in deutscher Hand. Wenn in den USA Pessimismus herrscht – und das ist momentan der Fall –, verkaufen die Amerikaner nicht nur ihre eigenen Aktien, sondern auch Aktien aus Deutschland. Nur so kann ich mir erklären, warum es in Deutschland gerade so steil nach unten geht.

Welche Rolle spielt die Politik der italienischen Regierung an der deutschen Börse?

Dieses Argument steht an den Märkten derzeit sehr im Vordergrund. Aber eine neue Euro-Krise kann ich mir nicht vorstellen. De facto finanziert die EZB die Haushaltsdefizite in Europa. Alle schimpfen auf Italien, weil es ein Defizit von 2,4 Prozent plant. Aber Italien ist vorsichtiger als Spanien mit 3 Prozent Neuverschuldung. Auch Frankreich geht jetzt wieder Richtung 3 Prozent. Ich finde es gar nicht so ungewöhnlich, was die Italiener machen. Etwas zugespitzt formuliert würde ich sogar sagen: Im Endeffekt machen die Italiener genau das Richtige, um die lahmende Konjunktur zu stützen. Denn sollte Italien die Neuverschuldung tatsächlich auf 0,6 Prozent runterfahren, steuert das Land auf eine Rezession zu.

Warum zeigen die Marktbeobachter momentan mit dem Finger auf Italien, wenn es um die Schwäche des deutschen Aktienmarktes geht?

Das ist mir völlig unklar. Wenn man die Staatsausgaben immer so bremst wie die Deutschen, kann man damit die politischen Extreme fördern. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Bundesregierung unter Gerhard Schröder zwei Mal die Dreiprozentgrenze gerissen hat. Man darf das nur nicht dauerhaft machen. Wenn die Italiener das jetzt einmal machen und die Konjunktur dadurch wieder rund läuft, ist das genau richtig. Warum Marktbeobachter jetzt eine neue Euro-Krise an die Wand malen, kann ich nicht nachvollziehen. Solange Draghi im Amt ist, kann die EZB eine Krise verhindern. Mit einem Jens Weidmann an der Spitze würde es viel mehr Probleme geben.

Bayer-Aktien verloren gestern zeitweise fast zwölf Prozent an Wert, vergangene Woche rauschte Fresenius binnen Stunden um 16 Prozent in die Tiefe. Es wirkt, als würden negative Nachrichten momentan die Kurse deutlich stärker treffen als sonst. Woran liegt das?

Das ist ein Zeichen dafür, dass momentan sehr viele Anleger aus dem Aktienmarkt raus wollen. Wenn nur die kleinste Negativnachricht kommt, werden Aktien im historischen Vergleich ungewöhnlich stark abgestraft. Man kann ja zur Rodung des Hambacher Forsts stehen, wie man will: Aber dass der Börsenwert von RWE um drei Milliarden Euro fällt, obwohl der Schaden nur bei einem Bruchteil davon liegt, ist eigentlich unlogisch. Selbst Eon leidet darunter, obwohl die mit dem Hambacher Forst gar nichts zu tun haben. Das ist eine Ausverkaufsstimmung, die durch nichts gerechtfertigt ist.

Das klingt fast so, als wäre jetzt ein guter Moment, um wieder einzusteigen?

Das lässt sich leider so einfach nicht sagen. Allerdings sehe ich momentan auch keinen Grund, warum man verkaufen sollte. Richtig ist, dass der Herbst technisch gesehen ein guter Zeitpunkt für einen Einstieg ist. Im Frühjahr beobachten wir oft Höchststände, im Herbst geht es meist etwas runter und zum Jahresende noch einmal rauf. Von der Markttechnik her wäre eine Erholung des Dax zum Jahresende durchaus gerechtfertigt. Das Problem ist eben, dass der Pessimismus in den USA inzwischen so groß ist und Auswirkungen auf Deutschland hat.

Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?

Wenn Trump uns nicht in die Suppe spuckt, könnte es noch einmal rund zehn Prozent aufwärts gehen. Aber sicher lässt sich das leider nicht sagen. Einen großen Crash halte ich aber für ausgeschlossen.

Interview: Sebastian Hölzle

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