Neubiberg – Supermarkt, Kita, Friseur, Reisebüro, Fitnessstudio, sogar eine eigene S-Bahnstation: Der Firmensitz des Chipherstellers Infineon ist ein eigener kleiner Mikrokosmos, der mehr zu bieten hat als so manche Kleinstadt. Das hat auch damit zu tun, dass das noch relativ junge Unternehmen – anders als die meisten Dax-Konzerne in der Region – seine Zelte nicht in der Hauptstadt aufgeschlagen hat, sondern vor den Toren Münchens in der 14 000-Einwohner-Gemeinde Neubiberg.
Auf über 500 000 Quadratmetern erstreckt sich hier der Infineon-Campus samt Parkanlage mit Seen. Fünf Minuten braucht man, wenn man schnellen Schrittes von der einen Seite des Geländes bis zur anderen geht, weiß Ralf Memmel. Der Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur ist Infineon-Mitarbeiter der ersten Stunde und leitet den Standort Neubiberg, seit es ihn gibt.
In zwei Jahren Bauzeit entstanden 2003 bis 2005 insgesamt 13 Gebäude, die in der Form eines Mikrochips angeordnet wurden. „Eine eigene Autobahn-Ausfahrt und eine eigene S-Bahn-Station wurden damals angelegt“, erzählt Memmel. Fertig war der „Campeon“ – eine Wortneuschöpfung aus dem Firmennamen Infineon und Campus – zumindest vorerst.
Denn der Campus wächst weiter. Das 14. Gebäude wurde im Frühjahr eröffnet, ein weiteres ist gerade im Bau. Nicht nur die Verwaltung und die Konzernspitze um Vorstandschef Reinhard Ploss sitzen am Campeon, sondern auch die zentrale Forschungsabteilung des weltweit tätigen Konzerns. In Elektro- und Testlaboren wird in Neubiberg an den Halbleitern von morgen geforscht.
Rund 4500 Ingenieure, Techniker, Natur- und Wirtschaftswissenschaftler sowie ITler aus 70 Nationen arbeiten auf dem Campus für Infineon. Für die meisten von ihnen spielt sich hier allerdings viel mehr ab als die Arbeit. Beinahe alle Dinge des täglichen Bedarfs lassen sich auf dem Gelände erledigen: Eingekauft wird im Supermarkt, die schmutzigen Hemden landen nebenan in der Reinigung, es gibt eine DHL-Packstation, der Besuch im firmeneigenen Friseursalon lässt sich gut in die Mittagspause legen. Und wer urlaubsreif ist, bucht im Reisebüro (gleich neben der Bankfiliale) den nächsten Urlaub. Neben zwei Kantinen finden sich auf dem Gelände außerdem eine Bäckerei und Eisdiele, eine Saftbar, Imbissstände, Cafés und Restaurants.
Schon beinah Standard ist die firmeneigene Kita, die Platz für 220 Kinder von 3 Monaten bis 6 Jahren hat – geöffnet von 8 bis 18 Uhr. Von der Ferienbetreuung, die Infineon in den Schulferien für die Schulkinder anbietet, können die meisten Eltern nur träumen.
Auch das Sportangebot für die Mitarbeiter kann sich sehen lassen. Ein eigenes Fitnessstudio mit Sauna, eine Joggingstrecke, die sich um das gesamte Gelände zieht, außerdem Außensportanlagen, bestehend aus: Basketballplatz, Beachvolleyballplatz, Fußballplatz und Tennisplätzen. Auch ein Masseur und ein Heilpraktiker bieten ihre Dienste an.
Dazu kommt die riesige Parkanlage, auf der sieben künstliche Teiche angelegt wurden, die das Gelände umschließen. Betreut werden die Gewässer und Landflächen vom Limnologischen Institut der TU München.
Die Limnologie ist die Wissenschaft von Binnengewässern als Ökosystemen. Und als Ökosystem kann man die Flora und Fauna auf dem Gelände getrost bezeichnen. Hier blühen unter anderem Klatschmohn, Schafgarbe und die Amerikanische Nachtkerze. Neben der großen Pflanzenvielfalt bietet das Gelände vielen Vögeln Lebensraum und Brutstätten – Blesshühner, Stockenten, Graugänse und Turmfalken sind am Campeon zuhause. Außerdem leben hier mehr als 20 Libellen-Arten, darunter die Kleine Zangenlibelle, die auf der Roten Liste Bayern steht, also als stark gefährdet eingestuft wird. „2012 wurden am Campeon auch einige Exemplare der bedrohten Wechselkröte gesichtet“, berichtet Memmel. Und die Liste geht weiter. In den Teichen leben einige gefährdete Fischarten – zum Beispiel das Moderlieschen. Ziel sei es gewesen, ein biologisches Gleichgewicht herzustellen und zu erhalten, so Memmel. „Deshalb wird hier auch nicht gefischt oder gebadet.“
Die schützenswerten Arten sind allerdings nur ein Grund, warum die Seen auf dem Gelände keine Badeseen sind. In der Planungsphase habe es durchaus eine Diskussion um die Anlage eines Badesees gegeben, erzählt Memmel. „Die Idee wurde aber schnell wieder verworfen. Für einen Badesee ist die Infineon-Teichanlage nicht tief genug. Es wäre eine regelmäßige Reinigung nötig geworden. Und wir hätten einen Bademeister gebraucht.“ Das war dann doch zuviel des Guten – sogar für Infineon.