München – Eine lange Erfolgsgeschichte könnte zu Ende gehen: Der vbw-Index für die bayerische Wirtschaft ist im letzten halben Jahr erstmals seit vier Jahren zurückgegangen. Und zwar deutlich: Das oft auch als Weißbier-Index bezeichnete Konjunktur-Barometer ist gegenüber dem Frühjahr um 10 Punkte auf 135 Punkte gefallen. Ihre Wachstumsprognose für 2018 korrigierte die vbw von 2,5 auf maximal 2,2 Prozent.
Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Den Brexit, die Handelskonflikte mit den USA, der Schuldenstreit mit Italien. Doch als Achillesferse der bislang so unverwundbaren Wirtschaft in Bayern erweist sich die Lage der Autoindustrie: Um sieben Prozent ist die Produktion der Branche im dritten Quartal 2018 eingebrochen.
Das zog die gesamte bayerische Industrie nach unten – um 0,4 Prozent schrumpfte die Produktion. Rechnet man die Autoindustrie aus der Entwicklung raus, ergäbe sich ein Plus von 1,8 Prozent. Das sind bei Weitem nicht mehr die Erfolgszahlen der letzten Jahre, wäre aber noch ein Wachstum. „Wir müssen aufpassen“, sagt Alfred Gaffal, Präsident der Wirtschaftsvereinigung, „dass wir nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen: nämlich unseren Wirtschaftsstandort und insbesondere unseren Automobilstandort“.
Optimisten können noch auf kurzfristige Besserung hoffen. Das neue WLTP-Testverfahren für Verbrauchs- und Abgasmessungen ist zweifelllos die wichtigste Ursache für den Einbruch der Autoindustrie: Sie hat es nicht geschafft, die notwendigen Zertifizierungen ihrer Modelle im festgelegten Zeitrahmen hinzubekommen. Das würde aber bedeuten, dass die Entwicklung in Zukunft wieder ausgeglichen würde.
Gaffal sieht die Ursachen aber tiefer liegen. Im Automobilbereich gehe „vieles auf das Konto des WLTP-Testverfahrens, aber nicht alles“.
Praktisch jeder in der Branche wusste, dass man durch den knappen Zeitrahmen, den die Politik für die Umsetzung der strengeren Messungen vorgab, auf ein Desaster zusteuern würde. Und Vertreter der Automobilindustrie wiesen in Berlin und Brüssel auf die Problemlage hin. Doch dort fand die früher so durchsetzungsstarke Automobillobby kein Gehör – obwohl ihre Argumente diesmal stichhaltig waren – wie sich mittlerweile herausgestellt hat.
Der Absatzeinbruch der Autobranche ist damit auch eine Folge der Abgas-Betrügereien – unter anderem im VW-Konzern. Aber der Verlust an Glaubwürdigkeit und seine Folgen treffen damit auch Unschuldige. Das bringt vbw-Präsident Gaffal in Rage: „Wer sich nicht gesetzeskonform verhalten hat, muss dafür geradestehen“, sagt er. „Aber es kann nicht sein, dass eine ganze Branche unabhängig von Fehlverhalten pauschal in Sippenhaft genommen wird.“
Und er greift nun – deutlicher als bisher – zwei Themen auf, über die unsere Zeitung seit zwei Jahren wiederholt berichtet hat: Den völlig aus der Luft gegriffenen Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft auf Europas Straßen. Und die vorschriftswidrige Platzierung der Immissions-Messstationen. Die Positionierung sei „mehr als fragwürdig“ und der Grenzwert „hirnrissig“, sagt Gaffal. Er fordert eine Überprüfung und Korrekturen. „Die Luft in Deutschland ist so sauber wie noch nie. Trotzdem werden die durch die Umwelthilfe angetriebenen Fahrverbote immer mehr“, kritisiert er.