Herr Driessen, Ende des Monats gehen Sie nach zehn Jahren als IHK-Chef in den Ruhestand. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten beschäftigt?
Driessen: Drei Dinge: Die Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009, wobei man rückblickend sagen kann, dass Bayern, besonders Oberbayern, sehr gut durch die Krise gekommen ist, weil wir hier einen so guten Branchenmix und damit eine robuste Wirtschaftsstruktur haben. Zweitens die Energiewende nach Fukushima. Drittens das Thema Flüchtlinge. Die Forderung 3 plus 2, also dass Flüchtlinge für die Dauer ihrer Ausbildung drei Jahre und danach weitere zwei Jahre nicht abgeschoben werden, haben wir schon 2014 erhoben. Dass wir uns durchgesetzt haben, auch wenn es im Gesetzgebungsprozess länger gedauert hat, freut mich sehr.
Warum war das so wichtig?
Driessen: Die Themen Ausbildung und Fachkräftemangel treiben heutzutage die Unternehmen um. Wenn wir keine Flüchtlinge in Ausbildung hätten, hätten wir im vergangenen und in diesem Jahr einen Rückgang bei den Azubis gehabt. Flüchtlinge decken einen Teil der Nachfrage der Betriebe ab. Der erste Jahrgang hat seine Lehre absolviert, und die allermeisten haben überraschend gut abgeschnitten. Diejenigen, die nächstes und übernächstes Jahr in die Prüfungen kommen, haben noch bessere Karten, denn sie sprechen meist schon sehr viel besser Deutsch.
Herr Gößl, was glauben Sie wird die größte Herausforderung im kommenden Jahr?
Gößl: Es gibt zwei wesentliche Risiken. Eins in London, das andere in Washington. Die Unternehmen können nicht planen, solange sie nicht wissen, wie der Brexit sich gestalten wird. Auch von US-Präsident Trump gehen große Unsicherheiten aus, niemand weiß, was kommt und wie sich der Handelskonflikt entwickeln wird. An einem Standort wie Oberbayern, der stark international ausgerichtet ist, macht beides den Unternehmen große Sorge.
Die anderen Themen haben sich ja auch nicht erledigt.
Gößl: Nein, der Fachkräftemangel wird uns weiter beschäftigen. Fast jeder Unternehmer berichtet momentan, dass er Aufträge nicht mehr annehmen kann, weil er sie aus Personalmangel nicht mehr abarbeiten kann. Die Demografie ist, wie sie ist. Aber wir können das Beste aus der Situation machen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich wieder mehr junge Leute für die duale berufliche Ausbildung begeistern lassen. Wir werden weiter Überzeugungsarbeit leisten, dass die Karriere mit Lehre ein Erfolgsweg ist. Auch das Thema Energie bleibt auf der Tagesordnung. Wir machen uns dafür stark, dass die Energieversorgung sicher und bezahlbar bleibt.
Und die Digitalisierung?
Gößl: Das ist natürlich ein Riesenthema, das übrigens auch durch Kapazitätsengpässe gebremst wird. Die Finanzmittel für den beschleunigten Ausbau der Breitbandnetze stehen zur Verfügung, es fehlen aber die Kapazitäten für die Umsetzung der Projekte. Über alle Branchen hinweg bedeutet die Digitalisierung einen großen Aufbruch. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, gerade den kleinen und mittelständischen Unternehmen bei diesem Wandel zu helfen und die Chancen der Digitalisierung deutlich zu machen.
Viele Projekte, sei es Verkehr, sei es Infrastruktur, scheitern immer öfter an Protesten der Bevölkerung vor Ort. Kann man überhaupt noch größere Pläne verwirklichen?
Gößl: Es wird tatsächlich immer schwieriger. Natürlich haben wir Verständnis dafür, dass die Betroffenen sich artikulieren, das muss auch so sein. Wenn es aber zur Folge hat, dass sich in der Infrastruktur gar nichts mehr bewegt, weil jede – auch ökologisch sinnhafte – Erweiterung scheitert, sind wir in unseren Möglichkeiten zu stark beschnitten.
Woher kommt die Tendenz zur Ablehnung?
Gößl: Darüber kann man trefflich philosophieren. Vielleicht ist es eine gewisse Sättigung. Hochkonjunktur, Vollbeschäftigung: Da sehen viele jede Neuerung als Belastung und nicht mehr als Chance. Man verspielt damit aber die Zukunftsfähigkeit des Standortes. Es ist unsere Aufgabe, als Kammer, zwischen den individuellen Bedenken und den Interessen der Gesellschaft zu vermitteln. Wir müssen Akzeptanz für Wirtschaft herstellen, und das geht nur durch Information und ein Abwägen von Interessen. Und dann muss eine Entscheidung zugunsten des Gemeinwohls fallen. Wenn nur diejenigen Recht bekommen, die sich lautstark zu Wort melden, dann geht nichts mehr voran.
Herr Driessen, haben Sie keine Angst, dass Ihnen im Ruhestand langweilig wird?
Driessen: Nein, überhaupt nicht. Außerdem bin ich weiterhin für die Kammer im Rundfunkrat und ich bleibe stellvertretender Vorstand des Kuratoriums der Bayerischen Sportstiftung, was aber eher ein Vergnügen als Arbeit ist. Und wenn ich doch mal Sehnsucht bekomme, kann ich mich demnächst ja ins neue „Börsencafé“ in der IHK-Zentrale setzen.
Interview: Corinna Maier, Sebastian Hölzle