Warum Apple die Börsen erschüttert

von Redaktion

Apple hat seine Prognose verfehlt. Das sorgte gestern weltweit für Turbulenzen und zog den Dollar und die Aktienkurse nach unten. China sei das Problem, sagt Apple-Chef Tim Cook. Experten sehen aber auch andere Gründe.

VON ANDREJ SOKOLOW UND MARTIN PREM

Cupertino – Wenn Daten eines Unternehmens Anleger weltweit zum Verkauf von Wertpapieren und zum Umschichten von Währungen veranlassen, ist das meist ein Alarmsignal: Es stehen unruhige Zeiten bevor. Das gilt umso mehr, wenn die zugrunde liegende Nachricht nicht unerwartet kommt. Auch das war in der Nacht zum Mittwoch der Fall: Das Weihnachtsgeschäft ist für Apple schlecht gelaufen. Der Konzern senkte am Mittwoch nach US-Börsenschluss die Umsatzprognose für die vergangenen drei Monate von 89 bis 93 Milliarden Dollar auf 84 Milliarden Dollar.

Die Apple-Aktie verlor auf die Nachricht hin im vorbörslichen Handel knapp acht Prozent. Sie hatte aber bereits seit dem 3. August – damals war Apple an der Börse als erstes Privatunternehmen der Welt kurzzeitig mehr als eine Billion Dollar wert gewesen – rund ein Drittel ihres Wertes verloren.

Im Sog von Apple ging es gestern auch für Papiere von Zulieferern abwärts. Auch für die Aktienmärkte weltweit ging es nach unten. Der Dollar verlor vor allem gegenüber dem Yen deutlich an Wert. Und der zuletzt schwächelnde Euro machte einen kurzzeitigen Sprung nach oben.

Die kräftige Korrektur gehe auf die schwächeren iPhone-Verkäufe in China zurück, betonte Konzernchef Tim Cook. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Auch in einigen Märkten seien nicht so viele Nutzer auf neue iPhones umgestiegen wie gedacht, räumte Cook ein. Es steckt also mehr dahinter als nur der chinesische Markt.

Das Weihnachtsquartal ist traditionell das wichtigste für den Hersteller des iPhone. Der Konzern stellte in diesen drei Monaten mehrfach Rekorde auf. 2017 waren es 88,3 Milliarden Dollar Umsatz und 20 Milliarden Dollar Gewinn. Eine Wiederholung des Erfolgs erwartete 2018 keiner. Es gab Hinweise. Apple habe die Produktionsaufträge an die iPhone-Fertiger gesenkt.

Die Umsatzwarnung allein konnte schon kaum den spontanen Kurssturz der Apple-Aktie erklären. Und die Auswirkung auf die globalen Märkte schon gar nicht. Um sie einordnen zu können, muss man im Auge haben, dass Apple eines der Leit-Unternehmen im Aufschwung des vergangenen Jahrzehnts war. Und dass sich mit der schlechten Nachricht das Ende einer ganzen Epoche andeuten könnte.

Apple, eine Garagen-Gründung aus der Heimcomputer-Frühzeit, war 1997 kurz vor der Pleite gestanden. Nach der Rückkehr von Gründer Steve Jobs kam Apple mit neuen Produkten aus der Krise und wuchs wieder – unter anderem dank des genialen Musik-Abspielgerätes iPod.

Doch als Turbolader für Aufschwung erwies sich 2007 ein Gerät, das in jede Hosentasche passt: Jobs stellte das iPhone vor. Ein Telefon, das gleichzeitig ein winziger, leicht bedienbarer Computer für fast alle denkbaren Gelegenheiten war. Wer das hatte, war auf der Höhe der Zeit. Das Smartphone war geboren. Und gleichzeitig waren viele Hersteller traditioneller Mobiltelefone wie Nokia oder die Siemens-Handysparte dem Untergang geweiht. Sie hatten den Trend verschlafen.

Schon lange vor Ladenöffnung standen die Kunden an den Apple-Stores Schlange, wenn Jobs zuvor ein neues Modell mit neuen Fähigkeiten angekündigt hatte – zum höheren Preis. Das funktionierte mehr als ein Jahrzehnt lang. Und es hörte auch nicht auf, als Jobs 2011 einem Krebsleiden erlag. 4S hieß das nächste Modell. „For Steve“, interpretierten die Fans und kauften. Es folgten iPhone 5, 6, 7 und 8.

Doch 2018 verlor das gewohnte Ritual seinen Zauber. Die neuesten iPhones waren teuer wie nie zuvor: Das billigste, das iPhone XR, war in Europa ab 849 Euro zu haben. Das größere iPhone XS Max kostete in der teuersten Version 1649 Euro. Und keiner stand dafür mehr Schlange.

Konkurrenten boten viel billigere Smartphones an. Selbst ihre Spitzenmodelle waren billiger und konnten nicht weniger als ein iPhone. In China, wo Apple traditionell nur fertigen ließ, sind seit Jahren lokale Smartphone-Anbieter wie Xiaomi, Huawei oder Vivo auf dem Vormarsch, die auch international zulegten – und nun aus der Technologie-Ikone Apple ein ganz normales Unternehmen machen.

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