München – Viele hätten erwartet, dass Hildegard Wortmann bereits am 1. Januar 2018 den Posten als Vorstandsmitglied für Vertrieb und Marketing antreten würde – bei BMW. Denn der langjährige BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson verabschiedete sich damals. Der Brite ging zurück ins Vereinigte Königreich.
20 Jahre lang hatte sich die damals 51-Jährige in verschiedenen anspruchsvollen Funktionen als eines der Top-Talente knapp unterhalb der Konzernspitze bewiesen. Doch der Aufsichtsrat des Münchner Autokonzerns warb als Nachfolger Pieter Nota von Philips ab.
Mit eineinhalb Jahren Verspätung bekommt die Top-Managerin – eine der wenigen Frauen in der BMW-Führungsriege – nun den Spitzenjob, der ihr damals entgangen war. Allerdings in Ingolstadt. „Hildegard Wortmann steht spätestens ab 1. Juli 2019 dem Bereich Vertrieb und Marketing der Audi AG vor“, teilte Audi gestern mit.
Das Ganze hat sich in der Gerüchteküche bereits abgezeichnet. Und es war auch kein Wunder. Als Nota kam, verließ Wortmann, vorher Marketingleiterin der Marke BMW, Bayern. Sie wurde als Leiterin der Vertriebsregion Asien-Pazifik nach Singapur versetzt. Ausgerechnet der wichtigste Markt in Asien, China, gehört nicht dazu.
Eine Beförderung war das jedenfalls nicht. Wenn man das Ganze als Wunschjob einordnen will, dann kann der Wunsch darin bestanden haben, möglichst viel Abstand zur Zentrale in München zu gewinnen. Der Aufstieg erfolgt jetzt. Nur weil Wortmann vertraglich gebunden ist, kann sie den neuen Posten wohl erst im Juli antreten.
Kein Wunder, dass Audi die gelungene Abwerbung feiert: „Wortmann ist die ideale Managerin, um die Marke Audi innovativ zu gestalten“, sagte VW-Chef Herbert Diess, der auch den Aufsichtsrat der Premium-Tochter leitet. Der Audi-Vorstandsvorsitzende (und Vorgänger von Hildegard Wortmann), Bram Schot, erwartet von der ersten und vorerst einzigen Frau im Audi-Vorstand, dass sie „eine entscheidende Rolle bei der Transformation unseres Unternehmens“ übernimmt.
Und – für Personalentscheidungen an der Spitze ungewöhnlich – kam in der offiziellen Erklärung des Konzerns der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Peter Mosch zu Wort. „Frischen Wind“ erwarte er sich, „um unsere Marke nachhaltig zu schärfen“.
Das ist nicht der erste Coup, der Herbert Diess glückte, seit er 2014 als Entwicklungschef bei BMW hinwarf, um zunächst Chef der Marke VW, dann des VW-Konzerns zu werden. Im Juli 2018 warb er Markus Duesmann ab, Vorstand für Einkauf und Lieferantennetzwerk bei BMW. Diess selbst war einer der Vorgänger in dieser Funktion. Es galt als ausgemacht, Duesmann, der heuer 50 Jahre alt wird, zum Audi-Chef zu machen. Ein Vertrag, der Duesmann noch bis 2020 an BMW fesselt, verhinderte das.
Vorher hatte Audi seinen Kommunikationschef, Dirk Arnold, aus München geholt. Der 52-Jährige leitete zuvor bei BMW das Produktmanagement BMWi und E-Mobilität.
Nun ist es nicht selten, dass BMW Topleute an Konkurrenten verliert. Doch das häuft sich in jüngster Zeit. Vor allem als innovativ geltende Köpfe verließen München. Carsten Breitfeld, bei BMW Projektleiter für den futuristischen i8, ging 2015. Er ist nun Chef der chinesischen Elektroautomarke Byton. Den i8-Designer Benoit Jacob nahm er gleich als Design-Chef zu Byton mit.
Albert Biermann, früherer Entwicklungschef der BMW-Sportmarke M, sollte Hochleistungsmotoren für Kia und Hyundai entwickeln. Seit 13. Dezember 2018 ist er als erster Nicht-Koreaner Entwicklungschef für den Hyundai-Konzern.
BMW hat es oft als Auszeichnung empfunden, dass die Führungskräfte weltweit gefragt sind. Die Frage ist, wann der Exodus an der Spitze zur Bedrohung wird.