Berlin – Morgen wird die Bahn pünktlich sein müssen. Um sieben Uhr früh sollen sich Konzernchef Richard Lutz und zwei seiner Kollegen im Verkehrsministerium einfinden. Zwei Stunden lang haben sie Zeit, Minister Andreas Scheuer (CSU), dem Schienenbeauftragten der Bundesregierung, Enek Ferlemann und einigen Bundestagsabgeordneten zu erklären, wie die Bahn zuverlässiger fahren und das Miteinander der Unternehmensteile besser organisieren kann.
Im Weihnachtsverkehr konnte das Unternehmen die Pünktlichkeitswerte schon etwas verbessern. 77 Prozent der Züge kamen fahrplangemäß ans Ziel. Der Sollwert für 2019 liegt bei 76,5 Prozent. Doch das Schneechaos dieser Tage dürfte den kleinen Erfolg schon wieder zunichte machen. Lutz wird die Kapazitäten in den Instandhaltungswerken erhöhen und noch einmal auf eine bessere Koordination der Bauarbeiten drängen. Die größten Probleme lassen sich aber nicht über Nacht lösen. Die Knotenbahnhöfe Frankfurt, Hamburg, Köln und München sind chronisch überlastet. Auch werden dringend benötigte neue Züge erst nach und nach ausgeliefert.
Viel spannender wird der zweite Teil der geforderten Sofortmaßnahmen. Anscheinend plant der Vorstand einen Umbau der Leitungsstrukturen. Derzeit gibt es sechs Vorstandsmitglieder. Einige davon haben gleich mehrere Verantwortungsbereiche. So betreut Finanzchef Alexander Doll auch noch die Tochterunternehmen Schenker und Arriva sowie die kriselnde Gütersparte. Sein Kollege Berthold Huber ist sowohl für den Fernverkehr als auch für den Nahverkehr zuständig. Sie haben es bisher nicht geschafft, dass die darunter liegenden Einheiten an einem Strang ziehen.
Nun will der Bahn-Chef die Führungsstrukturen umbauen und je einen Vorstandsposten für den Fernverkehr, die Regionalzüge und das Cargogeschäft einsetzen. Damit dies nicht teurer wird, ist ein Abbau bei den darunter liegenden Stabsstellen vorgesehen. Einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge wird der für die Infrastruktur zuständige Vorstand Ronald Pofalla als Krisenmanager die Umstrukturierung leiten.
Für eine Lösung der zweiten großen Frage hat Lutz noch zwei weitere Wochen Zeit. Am 30. Januar muss er wieder im Ministerium antreten und erklären, wie er die milliardenschweren Investitionen schultern will. Allein eine Milliarde Euro mehr kosten zusätzlich bestellte Züge. Die kürzlich vereinbarte Lohnerhöhung fiel höher aus als erwartet und reißt damit eine weitere Lücke in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags in die Bilanz. Insgesamt fehlen fünf Milliarden Euro, zwei davon werden in diesem Jahr benötigt. Da die Schuldenobergrenze des Konzerns schon nahezu erreicht ist, muss die Bahn andere Geldquellen erschließen.
Der Vorstand favorisiert den Verkauf der britischen Tochter Arriva. Damit ließe sich die Lücke weitgehend schließen. Allerdings ist das englische Nahverkehrsunternehmen europaweit erfolgreich unterwegs und liefert reichlich Gewinn an die Konzernmutter ab. Gewerkschafter befürchten zudem, dass Arriva unter einem anderen Eigentümer auch in Deutschland aktiv wird und der Bahn im Wettbewerb weitere Marktanteile im Nahverkehr abjagen könnte.