München – Es steht Wort gegen Wort. Der erst vergangenen Herbst in den Dax aufgestiegene Zahlungsdienstleister Wirecard und die angesehene britische Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) liefern sich einen Schlagabtausch über angebliche Bilanzmanipulationen. Ein Wirecard-Manager in Singapur soll demnach Scheinumsätze fingiert haben, um das Unternehmen besser dastehen zu lassen und sich dabei auch der Geldwäsche schuldig gemacht haben. Die FT beruft sich dabei auf Untersuchungen einer Rechtskanzlei, die für Wirecard arbeitet und den Vorfall aufgedeckt hat. Das sei schon im Mai 2018 dem Wirecard-Management in der Firmenzentrale in Aschheim bei München mitgeteilt worden. Das Unternehmen dementiert hart.
Sowohl beim ersten FT-Bericht diesen Mittwoch als auch beim zweiten am folgenden Freitag handle es sich um „ungenaue, irreführende und diffamierende“ Berichterstattung. Zwar gebe es die Kanzlei, auf die FT Bezug nimmt. Es sei die Rajah & Tann Singapore LLP. Sie habe aber niemals „Feststellungen über ein Fehlverhalten eines Wirecard-Mitarbeiters in Fragen der Rechnungslegung getroffen“.
Zudem stimme es nicht, dass dem Topmanagement in Aschheim im Mai eine Präsentation zur Angelegenheit vorgelegt worden sei. Damit steht nun Wort gegen Wort.
Entsprechend hin- und hergerissen reagiert die Börse. Der zweite FT-Bericht am Freitag hat die Aktie des Dax-Neulings erneut auf Talfahrt geschickt. Sie ist zeitweise um 27 Prozent auf unter 110 Euro abgesackt, erholte sich aber nach dem neuerlichen Wirecard-Dementi wieder etwas. Das gleiche Schauspiel hatte sich schon am Montag vollzogen, als Wirecard einen ersten FT-Bericht schon hart dementiert hatte.
Bei den vor allem für einen Dax-Wert enormen Kursbewegungen innerhalb kürzester Zeit geht es um mehrere Milliarden Euro Firmenwert und Schwankungen in der Dimension eines Drittels des Firmenwerts. Nun ist es an Ermittlungsbehörden, für Klarheit zu sorgen. Zum einen ermittelt mittlerweile die deutsche Finanzaufsicht Bafin. Zum anderen hat die Münchner Staatsanwaltschaft Vorermittlungen aufgenommen, die jeweils einige Monate dauern könnten. Mit dem Wirecard-Papier aber ging es seit den vier Monaten der Dax-Zugehörigkeit und auch schon in der Zeit davor massiv auf und ab. Ein vorläufiger Höhepunkt wurde nun diese Woche erreicht.
Neu sind Manipulationsvorwürfe an die Adresse des Wirecard-Managements nicht. Es hat sie in vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Stets wurden sie dementiert. Bestätigt hat sich eine behauptete Bilanzmanipulation bislang noch nie. Bereits 2016 hatte ein Analystenreport die Wirecard-Aktie auf Talfahrt geschickt. Die Staatsanwaltschaft München hat ihre Ermittlungen dazu Ende 2018 abgeschlossen und gegen Urheber damaliger Attacken auf Wirecard den Vorwurf der Marktmanipulation erhoben. Ein öffentlicher Prozess gilt als wahrscheinlich. Das Prinzip solcher Angriffe auf eine Aktie, die im Fachjargon Short-Attacken genannt werden, ist klar. Börsenakteure setzen bei einem Unternehmen auf fallende Kurse. Dann wird für den betreffenden Wert eine schlechte Nachricht wie der Vorwurf aufgeblähter Umsätze in Umlauf gebracht. Die Kurse stürzen ab. Mit dem Papier spekulierende Urheber der Falschinformation machen Reibach. Bis die Vorwürfe wieder aus der Welt sind und der Kurs sich normalisiert hat, sind sie mit ihrem illegalen Spekulationsgewinn verschwunden.
Auch jetzt spricht Wirecard von „vermehrten Short-Aktivitäten“ vor der Veröffentlichung des Negativberichts der FT. Aber auch die Wirtschaftszeitung bleibt bei ihrer Darstellung. Wahrheit kann es bei derart gegensätzlichen Tatsachenbehauptungen aber nur eine geben.