München/Ingolstadt – Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Die Menschen leiden Hunger, Nahrungsmittel sind immer noch knapp und kaum zu bekommen. Bis ein Jahr nach Kriegsende die Lebensmittelkarten abgeschafft werden, und Eier sowie Fisch erstmals wieder frei verkäuflich sind. Kartoffeln und Fleisch folgen. Es dauert noch mehrere Monate, bis auch die Rationierung für Brot, Getreide, Butter und Milch abgeschafft wird. Städter unternehmen in dieser Zeit Hamsterfahrten aufs Land, um direkt bei den Bauern Kartoffeln oder Eier zu erwerben.
In dieser Zeit kommen in Ingolstadt einige Kaufleute zusammen. Ihr Ziel: die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Sie gründen den „Einkaufsverein der Kolonialhändler“, kurz E.de.Ka. Heute heißt der Zusammenschluss Edeka und ist die Nummer Eins unter den Einzelhandelsunternehmen.
Allein Edeka Südbayern, eine von sieben Regionalgesellschaften in Deutschland, hat einen Gesamtjahresumsatz von 4,69 Milliarden Euro.
Edeka ist von Anfang an ein genossenschaftlich organisierter Unternehmensverbund. Die genossenschaftliche Struktur ist das wirtschaftliche Rückgrat. Sie stellt sicher, dass die gemeinsamen Ziele der angeschlossenen Kaufleute effizienter erreicht werden, ohne dabei die eigene Selbstständigkeit aufzugeben. Denn die Kaufleute sind Unternehmer im Unternehmen und treffen ihre Entscheidungen selbst.
Heute werden zwei Drittel der Super- und Verbrauchermärkte von selbstständigen Edeka-Kaufleuten betrieben. Die übrigen Einzelhandelsstandorte führen Tochtergesellschaften.
In Südbayern gibt es an die 1350 Geschäfte, in denen rund 25 000 Menschen arbeiten. Darunter 1400 Auszubildende, die 24 verschiedene Ausbildungsberufe erlernen. „Damit zählt Edeka Südbayern zu den größten Arbeitgebern in der Region“, sagt Vorstandssprecher Claus Hollinger.
Der Unternehmensverbund übernimmt immer wieder auch Einzelhandelsstandorte von Wettbewerbern: So kamen im Jahr 2005 rund 250 Spar-Märkte hinzu, zwei Jahre später zehn Marktkauf-Standorte. Zuletzt integrierte Edeka Südbayern 2017 über 170 Filialen von Kaiser’s Tengelmann. In den heutigen Selbstbedienungsläden erinnert nichts mehr an den einstigen „Tante Emma“-Laden um die Ecke. In den Edeka-Anfängen ist das Angebot überschaubar. Rund 100 Artikel standen damals in den hinter der Ladentheke. Die Kaufleute trugen weiße Kittel und bedienten die Kunden von der Ladentheke aus.
Aus den einstigen Ladengeschäften sind in den 1960er-Jahren nach und nach Selbstbedienungsläden geworden. Verkaufsflächen und Sortimente vergrößern sich bis heute stetig. Die optimale Größe eines Marktes liegt heute bei 1200 Quadratmetern. Während in städtischen Quartieren 600 Quadratmeter bei den „Edeka xpress“ die Regel sind, verfügen die großflächigen „E center“ über bis zu 3000 Quadratmeter, Unternehmenssprecherin Regina Jud: „Der Unternehmensverbund verfügt damit über mehr als eine Million Quadratmeter Verkaufsfläche.“ Das entspricht einer Fläche von etwa 222 Fußballfeldern.
Im Laufe der Jahrzehnte kristallisierte sich heraus, dass der Qualitätsanspruch an sensible Lebensmittel steigt. Aus diesem Grund gründete Edeka 1970 die erste eigene Produktionsgesellschaft. Den Anfang machte die „Mittelbayerischen Fleischbetriebe GmbH“. Sie ging später in der Südbayerischen Fleischwaren GmbH auf. 1997 fing Edeka an, eigene Backwaren herzustellen, die Backstube „Wünsche“ kam zur Unternehmensgruppe. In jüngster Zeit setzt die Genossenschaft verstärkt auf regionale Produkte: Seit 2018 rückt Edeka Südbayern regionale und lokale Lebensmittel mit dem Logo „genial Regional“ verstärkt in den Fokus.
Rund 50 000 Artikel hat Edeka im Sortiment, die vom Unternehmenssitz in Gaimersheim bei Ingolstadt über fünf hochmoderne Logistikzentren in ganz Südbayern verteilt werden.
Der Wettbewerb in der Branche ist hart. Dazu kommen sich ändernde Einkaufsgewohnheiten. Auch wenn der Online-Einkauf im Lebensmittelbereich in Deutschland noch keine große Rolle spielt, müssen Supermärkte und Discounter Online-Konzepte entwickeln. Das tut auch Edeka. Längst können Kunden auch hier online bestellen und dann entscheiden, ob sie die Ware selbst in der Filiale abholen oder nach Hause liefern lassen. Vom Kramerladen zum Online-Shopping – in 100 Jahren hat sich einiges getan bei Edeka und seinen Kaufleuten.