München – BMW und Daimler waren einmal die Erzrivalen schlechthin beim Bau von Premiumautos. In den letzten Wochen kam es dann zum doppelten Schulterschluss bei Mobilitätsdiensten und autonom fahrenden Autos. Weil in beiden Häusern Techniker entwickeln und Manager planen, die überzeugt sind, die Besten ihrer Art zu sein, hat das vernehmbar für internes Murren gesorgt. Verbunden ist das mit bissigen bis trotzigen Anmerkungen, es sei noch viel mehr geplant.
Dieser Teil drei der Kooperation zwischen München und Stuttgart könnte es in sich haben. Denn es geht um Entwicklung gemeinsamer Fahrzeugarchitekturen in Form zweier Baukästen vorzugsweise für Elektroautos, die mehr oder weniger die gesamten Produktpaletten abdecken könnten. Das hat die „Süddeutsche Zeitung“ erfahren. BMW und Daimler enthalten sich jedes Kommentars. „Wo hohe Skalierbarkeit wichtiger ist als Exklusivität, bauen wir auf Kooperation mit starken Partnern“, räumt BMW-Chef Harald Krüger allerdings ein.
Neu sind die Gerüchte über ein noch engeres Zusammenrücken der beiden Premiumhersteller aber nicht. Seit Ende 2018 wird gemunkelt. Bislang war hinter vorgehaltener Hand von der gemeinsamen Entwicklung kleinerer Elektroautos die Rede. Die jetzt skizzierten Pläne sind ungleich umfassender. Von sieben Milliarden Euro Einsparpotenzial ist die Rede.
Strategisch seien solche Pläne sehr sinnvoll angesichts neuer Konkurrenten wie Tesla, Uber oder Google und kartellrechtlich unproblematisch, meint Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. Im globalen Maßstab würden BMW und Daimler zusammen gerade einmal vier von 85 Millionen Autos branchenweit bauen. „Ich glaube, dass sehr ernst verhandelt wird“, sagt Schwope, der sein Ohr nahe an der Branche hat. Er hat auch keine Bedenken, dass sich nach gemeinsamer Entwicklung die jeweiligen BMW- und Mercedes-Modelle nicht mehr hinreichend voneinander unterscheiden lassen. VW mache schließlich vor, wie auf einer Plattform entwickelte Autos in Form verschiedener Marken von VW über Audi bis Skoda und Seat jeweils ihre Käufer finden.
Im Kreis der beiden Premiumpartner in spe ist man vorsichtig bis zurückhaltend. Eine derart enge Kooperation müsse am Ende markendifferenzierend bleiben, heißt es aus ihrem Kreis. Dazu müsse die Staffelung für Modellanläufe mit den bestehenden Modellgenerationen synchronisiert werden, was ein größeres Problem sein könnte. Damit ist gemeint, dass BMW und Mercedes ihre jeweiligen Konkurrenzmodelle bislang in der Regel nicht zeitgleich auf den Markt bringen, um den jeweiligen Absatz zu optimieren. Bei völliger Parallelentwicklung wäre das nicht mehr möglich.
Andererseits sind die Hauptkonkurrenten der Zukunft wohl nicht mehr andere Autobauer, sondern Internetkonzerne und Mobilitätsdienstleister vor allem aus den USA und China.
Als treibende Kraft hinter den Gesprächen zu einer breiten Entwicklungskooperation gilt Daimler. „Stuttgart schiebt“, heißt es in Branchenkreisen. Für Mercedes verhandelt dem Vernehmen nach Entwicklungsvorstand Ola Källenius, der als neuer Daimler-Chef in den Startlöchern steht, und für BMW der dort ebenfalls für Entwicklung verantwortliche Klaus Fröhlich.
Angedacht sind zwei skalierbare Baukästen mit den Kürzeln MX1 und MX2. Ersteres steht für kleine bis mittlere Modelle und ist offenbar schon weiter gediehen, Letzteres für mittlere bis große Wagen. Das klingt sehr nach der VW-Strategie mit den Baukästen MEB (klein) und PPE (groß). Auch im VW-Konzern stehen die Zeichen im großen Stil auf Synergien heben. Auf Stolz und Befindlichkeiten einzelner Marken wie Audi wird dabei wenig Rücksicht genommen. Aber immerhin ist es ein konzerninternes Zusammenrücken.
Zwischen BMW und Mercedes liegt mehr als die Autobahn A8 – auch in Zeiten von Partnerschaften bei Roboterautos und Mobilitätsdiensten. „Das kann schnell an Befindlichkeiten scheitern“, warnt Schwope. Er meint damit interne Widerstände hochrangiger und an entscheidender Stelle sitzender Experten bei BMW und Mercedes, die mit der Gewissheit groß geworden sind, dass der Hauptrivale am jeweils anderen Ende der A8 sitzt. Andere Beobachter verweisen auf das von gegenseitigem Respekt geprägte Verhältnis.
Ob das am Ende so weit geht, dass Mercedes und BMW im großen Stil gemeinsame Sache machen bei der Entwicklung ganzer Baukästen für Fahrzeuggenerationen, die dann ab etwa 2030 auf die Straße kommen könnten, muss sich aber erst noch zeigen.