München – Oft sind Theorie und Praxis zwei verschiedenen Welten. Manchmal prallen sie aufeinander. So bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Autonom fahrende Züge“. Als dort eine bayerische Lokführerin das Wort ergreift, wird rasch klar, wie weltfremd das immer wieder gezeichnete Bild eines Zugverkehrs ist, der schon in naher Zukunft ganz ohne Lokführer auskommen könnte.
Sie sei viel auf ländlichen, eingleisigen Strecken unterwegs – solchen, wie etwa in Bad Aibling (Kreis Rosenheim), wo 2016 bei einem Unglück neun Menschen starben, erzählt die Frau, die bei einer Privatbahnangestellt ist. Zwar war in Bad Aibling menschliches Versagen die Ursache der Katastrophe – doch die Technik gilt auf vielen dieser Strecken als veraltet und störanfällig.
Die Lokführerin verweist auf längst verfügbare technische Ausstattung, die helfen würde, eingleisige Strecken sicherer zu machen. Doch das Geld dafür werde nicht investiert. Welchen Sinn mache es, fragt sie, dann auf neue, teure Technologien wie das Zugsicherungssystem European Train Control System 2 (ETCS 2) umstellen zu wollen, wenn in der Praxis das Geld „für günstige bestehende Technologien, die Leben retten können, fehlt“?
Ein anderer Lokführer poltert: „Ich lebe bei DB Cargo in einer Welt, wo die Bremssysteme aus dem Jahr 1950 stammen.“ Mitunter ist sogar Technik aus dem Jahr 1900 im Einsatz. Sein Kollege schimpft, dass es selbst auf einer Hauptstrecke wie von München nach Rosenheim „fast keinen Handyempfang gibt“.
Befürworter einer milliardenteuren Vollautomatisierung des Schienenverkehrs hatten bei der von der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) initiierten und von unserem Redakteur Dirk Walter moderierten Veranstaltung keinen leichten Stand.
Holger Last von der Siemens AG Mobility ließ sich jedoch nicht davon abbringen: „Wir werden in kommenden Jahrzehnten die ersten GoA-3 oder GoA-4-Piloten auf der Strecke sehen“, zeigte er sich überzeugt. GoA zeichnet den Grad der Automatisierung der jeweiligen Schienenstrecke. Sowohl die Modelle GoA 3 als auch 4 funktionieren fahrerlos. Modell Nummer 4 benötigt nicht einmal einen Lokführer.
Bis jedoch die Vollautomatisierung im deutschen Schienenverkehr komme, werde es jedoch „Jahrzehnte dauern“. Befürworter haben hohe Erwartungen an die Technologien. GdL-Chef Claus Weselsky hält als Vertreter der Lokführer jedoch erwartbar wenig von solchen Planungen GoA-4 lehnt er ohnehin wegen der damit verbunden Milliardenkosten kategorisch als „volkswirtschaftlich unsinnig“ ab. Er fordert stattdessen eine Sanierung des bestehenden Netzes.
Gerhard Curth vom Deutschen Bahnkunden-Verband sprang ihm zur Seite. Die Bahnkunden wollten keinen vollautomatisierten Betrieb. DB-Vertreter Kay Euler zeigte sich dagegen für eine weitere Automatisierung offen: Es sei eine Krankheit der Eisenbahner, „immer nur das Negative zu sehen“. TOBIAS LILL