Addis Abeba/Chicago – Boeing gerät nach dem Flugzeugabsturz in Äthiopien weiter in Erklärungsnöte. Als Äthiopiens Transportministerin gestern Untersuchungsergebnisse zu dem Unglück vom 10. März mit 157 Todesopfern vorstellt, vermeidet sie harte Worte. „Der Untersuchungsbericht soll Sicherheit gewährleisten und keine Schuld zuweisen“, stellt Ministerin Dagmawit Moges klar. Doch letztlich verdichtet sich der Eindruck, dass mit dem Flugzeugtyp Boeing 737 Max etwas nicht stimmt.
Denn was die äthiopische Politikerin zu berichten hat, passt zu den Vermutungen, die Experten seit Wochen äußern. Nach Auswertung von Blackbox und Stimmenrekorder kommt Äthiopiens Unfalluntersuchungsbehörde zu dem Schluss, dass die Piloten vor dem Absturz nach den Vorschriften des Flugzeugbauers gehandelt haben. Das würde die Crew entlasten.
Boeing gerät damit weiter unter Druck. Es war bereits das zweite solche Unglück mit einem 737-Max-Flugzeug – der spritsparenden Neuauflage des meistverkauften Passagierjets der Welt – innerhalb von weniger als sechs Monaten. Nach den Abstürzen wurden weltweit Flugverbote verhängt. Und das dürfte noch für Wochen, wenn nicht Monate so bleiben.
Äthiopiens vorläufiger Bericht gewährt weitere belastende Einblicke: Nachdem der Start der Maschine in Addis Abeba offenbar einwandfrei verlaufen sei, habe das Flugzeug seine Nase mehrmals und eigenmächtig nach unten gezogen.
Fest steht, dass der Ablauf des Absturzes starke Ähnlichkeiten mit dem Crash in Indonesien hat, bei dem Ende Oktober 189 Menschen ums Leben kamen. Nicht nur Boeing, auch die US-Luftfahrtbehörde FAA steht nach den Unglücken massiv in der Kritik. US-Ermittler untersuchen bereits, ob bei der Zulassung der 737-Max-Serie alles mit rechten Dingen zuging. Boeing hat traditionell einen engen Draht zur Aufsicht und durfte wesentliche Teile der Sicherheitsprüfungen selbst übernehmen. Der Hersteller steht laut US-Medien allerdings auch im Verdacht, bei der Zertifizierung Informationen unterschlagen zu haben. Sollte sich dies bestätigen, würde sogar strafrechtlicher Ärger drohen.
Im Zentrum der Kritik steht Boeings Steuerungssoftware MCAS, die der Konzern für die 737-Max-Baureihe entwickelte. Das Programm ist im vorläufigen Ermittlungsbericht zwar nicht explizit erwähnt, könnte jedoch wie schon beim Absturz in Indonesien auch in Äthiopien eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Boeing streitet bislang ab, dass MCAS ein Sicherheitsrisiko ist, arbeitet jedoch schon seit Monaten an einem Update. Bis abschließende Ergebnisse zu den Unglücken vorliegen, wird es zwar noch dauern. Aber für Boeing ist die Situation hochbrisant – auch rechtlich gesehen. So gibt es neben den Ermittlungen der US-Behörden bereits etliche Klagen von Angehörigen. Falls herauskommt, dass ein Herstellermangel Grund für die Abstürze war, bekommt der Fall juristisch eine völlig andere Dimension, die zu hohen Strafzahlungen führen könnte. Auch die ersten betroffenen Fluggesellschaften wollen Boeing zur Kasse bitten.