EU: Die Schattenseiten der Freizügigkeit

von Redaktion

In der EU können die Menschen sich weitgehend frei aussuchen, wo sie arbeiten möchten. Vielen gilt dies als eine der größten Errungenschaften des vereinten Europas. Doch in manchen Ländern schafft es große Probleme.

VON KATHRIN LAUER, ALKIMOS SARTOROS UND MARTIN PREM

Bukarest – Für viele Menschen ist die Möglichkeit, innerhalb der gesamten EU Wohort und Arbeitsplatz frei wählen zu können, eine der großen Errungenschaften der europäischen Einigung. Die EU-Finanzminister sehen aber in der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa neben großen Vorteilen auch einige Schattenseiten. Und es ist nicht nur der Westen im Nachteil, wo Druck auf die Löhne befürchtet wurde. Die Nachteile betreffen auch Länder mit unterdurchschnittlichem Lebensstandard. Ihnen gehen die Eliten verloren.

Die Möglichkeit, überall in Europa Arbeit annehmen zu können, habe zwar große wirtschaftliche Vorteile gebracht, sagte der rumänische Finanzminister Eugen Teodorovici beim informellen Treffen mit seinen EU-Amtskollegen am Wochenende in Bukarest.

In manchen Ländern führe sie jedoch zur Abwanderung von Talenten und sogar zu Bevölkerungsschwund – mit weitreichenden Folgen. Rumänien hat derzeit den Vorsitz unter den EU-Staaten inne.

In der Europäischen Union sind die sogenannten vier Freiheiten des Binnenmarkts fest verankert. Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital können weitgehend uneingeschränkt verkehren. Dies sei einer der Grundpfeiler europäischen Zusammenwachsens, sagte EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis.

Insgesamt habe die Arbeitnehmerfreizügigkeit positive Auswirkungen. Doch es gebe Herausforderungen. In einigen Ländern komme es zu Fach- und Arbeitskräftemangel in manchen Branchen. Die Länder, in die die Arbeiter kämen, fürchteten zudem Druck auf ihr Lohnniveau, sagte Dombrovskis weiter. Die Höhe der Löhne sei ein großer Anreiz, in ein anderes Land zu gehen. Das zeichnete sich bereits ab, als nach dem Betritt osteuropäischer Staaten die Arbeitnehmer-Freizügigkeit eine Option war. Von den großen Ländern machte nur Großbritannien die Grenzen großzügig auf.

Schon bald klagten polnische Arbeitgeber darüber, dass ihre besten Facharbeiter mit damals absurd hohen Lohnforderungen auf sie zukamen und der Drohung, sonst für 15 Pfund pro Stunde nach England zu gehen. In manchen englischen Städten gibt es inzwischen Straßenzüge, in denen fast nur noch polnische Läden zu finden sind

Die Zuwanderung drückte die Löhne vor allem im niedrigen Einkommensbereich. Diese Entwicklung gilt als Hauptursache dafür, warum so viele britische Arbeiter für den Brexit gestimmt haben.

Deshalb müssten etwa die Lebensbedingungen in den EU-Staaten weiter angeglichen werden, sagte Dombrovskis. Dafür seien wachstumsfördernde Investitionen nötig. Zudem würden Jobs – vor allem im Niedriglohnsektor – in Europa zu stark besteuert. Rumänien gehört zu den Ländern, die inzwischen von der Abwanderung von Arbeitskräften besonders betroffen sind.

Schätzungen zufolge leben mindestens 3,2 Millionen Rumänen im Ausland, jedes Jahr verlassen 200 000 bis 300 000 das Land. Es fehlen nicht nur Hochqualifizierte wie Ärzte, IT-Spezialisten und Lehrer, sondern vor allem auch Facharbeiter und Personal für die Gastronomie.

Aus dem nordwestrumänischen Satu Mare hieß es, dass sich die Cafébesitzer gegenseitig die Kellner abwerben. Die Hoteliers am Schwarzen Meer machen sich Sorgen um ihre Personalaufstellung für diesen Sommer. Im vorigen Jahr hat die Regierung deswegen die zulässige Zahl an Arbeitskräften aus dem Nicht-EU-Ausland erhöht.

Die rumänische IT-Branche holt Personal vor allem aus der Türkei und aus Israel, die Industrie etwa aus Vietnam. Arbeiter aus Nepal und Bangladesch werden auf dem Bau, in Hühnerfarmen und in der Textilindustrie beschäftigt.

Doch auch andere EU-Länder leiden unter der Abwanderung. In Griechenland haben nach Schätzungen mehr als 400 000 gut ausgebildete junge Menschen das Land verlassen. Immer wieder gehen Schüler und Studenten auf die Straße und demonstrieren gegen Perspektivlosigkeit.

Auch aus Portugal wanderten in den vergangenen Jahren Hunderttausende Menschen ab – vor allem nach Großbritannien. Wegen der Erholung der portugiesischen Wirtschaft nach der europäischen Finanzkrise und der mit dem Brexit verbundenen Unsicherheit nahm dieser Trend zuletzt jedoch etwas ab. Neben Großbritannien war etwa Deutschland in den vergangenen Jahren ein beliebtes Zielland.

Noch weiter zurück liegt übrigens eine ähnliche Entwicklung zwischen Großbritannien und Irland. Die Insel, die als das Armenhaus Nordwesteuropas galt, war gleichzeitig das größte Arbeitskräfte-Reservoir der ungleich reicheren Briten. Hunderttausende Iren waren als Gastarbeiter in den großen englischen Industriestädten eine beachtliche Minderheit.

Doch das Beispiel zeigt auch, dass eine solche Entwicklung nicht unumkehrbar ist. Als in den 1990er Jahren, die irische Wirtschaft – auch dank massiver Hilfen der EU – rasant aufholte, traten viele der britischen Iren die Rückreise an. Unterstützt von Werbekampagnen irischer Wirtschaftsverbände. „Come home to Ireland“, stand überall auf Plakaten.

Die Eliten wandern aus den ärmeren Ländern Europas ab

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