Siemens lagert alles Alte aus

von Redaktion

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Manchmal werden Konzernlenker zu Recht pathetisch. „Das ist eine fundamentale Veränderung der DNA unseres Unternehmen“, betont Siemens-Chef Joe Kaeser. Er übertreibt nicht. Sein Plan ist, das Geschäft mit konventionellen Kraftwerken auszugliedern und an die Börse zu bringen.

Die Veränderung des Siemens-Erbguts betrifft den neuen industriellen Kern des 1847 gegründeten Konzerns. Denn der wird nach allen Häutungen konzentriert in hochprofitablen Digitalgeschäften zu finden sein. Bis 2023 sollen im neuen Kerngeschäft global 10 400 Stellen abgebaut und parallel 20 500 Jobs neu aufgebaut werden.

Der Reihe nach: Das Kraftwerksgeschäft, vor Kurzem noch eine sprudelnde Siemens-Gewinnquelle, wird nach dem Vorbild von Osram ausgegliedert. Die Aktien der neuen Kraftwerks-AG, die das Wort Siemens im Namen tragen soll, werden an Siemens-Aktionäre verschenkt und so bis September 2020 an die Börse gebracht. Als Mitgift erhält die Abspaltung die 59 Prozent Anteil, die der Mutterkonzern am deutsch-spanischen Windkraft-Spezialisten Siemens Gamesa hält.

Für Kaeser entsteht damit ein Riese in Sachen Energieerzeugung, der von erneuerbaren Energien über konventionelle Kraftwerke bis zu Stromübertragung und Speichertechnologien alles aus einer Hand bietet.

Gleichzeitig ist der Mutterkonzern ein Problem los. So sieht es die Börse. Der Siemens-Aktienkurs ist als Reaktion auf die Pläne um rund fünf Prozent auf gut 107 Euro gestiegen. Für die Kraftwerksparte selbst sehen Analysten dagegen vorerst keinen Mehrwert durch ihre Ausgliederung. „Überkapazitäten am Markt bleiben“, sagt einer von ihnen mit Blick auf den Bau großer Gasturbinen.

Ursprünglich hat Kaeser dem Vernehmen nach eine andere Lösung bevorzugt: Eine Fusion mit dem japanischen Konkurrenten Mitsubishi, was angeblich am Einspruch von IG Metall und Betriebsräten gescheitert ist. Die wollten ein Abwandern von Entscheidungsbefugnissen ins Ausland verhindern. Nun bleibt Siemens mit gut einem Viertel der Anteile Ankeraktionär der künftigen Kraftwerks-AG.

Auf diese entfällt mit 70 Milliarden Euro die Hälfte des gesamten Auftragsbestands, in den Büchern des heutigen Siemens-Konzerns. Sie kommt auf 30 Milliarden Euro Umsatz und 80 000 Beschäftigte, was je ein Viertel Anteil am Gesamtkonzern ist.

Zum Vergleich: Der neue industrielle Siemens-Kern, der aus Digitalgeschäften und intelligenter Infrastruktur mit Gebäudetechnik besteht, hat voriges Geschäftsjahr addiert 30 Milliarden Euro umgesetzt. Siemens wird endgültig zur operativen Holding. Die Medizintechnik ist schon an der Börse. Beim Bahntechnikgeschäft ist das wohl nur eine Frage der Zeit.

Welche Dimensionen hier bewegt werden, verdeutlicht eine andere Vision Kaesers. Er sieht künftig mindestens drei Siemens-Konzerne im Dax. Den neuen alten Traditionskonzern, die künftige Kraftwerks-AG und das als Healthineers firmierende Medizintechnikgeschäft. Auch die Bahntechnik hätte Dax-Niveau.

Was das alles für das Personal bedeutet, ist noch weitgehend offen. Von der Kraftwerksabspaltung sind bundesweit fast 20 Standorte mit deutlich über 20 000 Beschäftigten betroffen. Zentren sind Berlin, Duisburg, Erlangen, Mülheim oder Offenbach.

Betriebsbedingte Kündigungen sind per Vereinbarung so gut wie ausgeschlossen. Die IG Metall sieht es auch als fest vereinbart an, dass die Zentrale der künftigen Kraftwerks-AG in Deutschland liegt. Kaeser lässt das ausdrücklich offen. Um die Zukunft des Standorts Deutschland geht es auch beim neuen Siemens-Kerngeschäft rund um Digitaltechnik und Infrastruktur. Denn die 10 400 Stellen, die Siemens hier global abbauen will, dürften vor allem auch Deutschland treffen. Speziell die 2500 Jobs, die es in Zentralbereichen trifft. Siemens-Zentralen liegen vor allem in Deutschland. Die 20 500 Stellen wiederum, die parallel aufgebaut werden sollen, basieren auf Wachstumsannahmen, räumt Kaeser ein. Offen ist zudem, wo regional aufgebaut wird.

„Man baut auf, wo Bedarf ist“, sagt Kaeser vage. Wachstumsmärkte liegen heute vor allem in Asien und weniger in Deutschland. Am Ende könnten unter dem Strich im neuen Siemens-Kerngeschäft 10 000 Menschen mehr als heute arbeiten und trotzdem deutsche Standorte die Verlierer sein.

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