Stuttgart – Bei Daimler endet heute eine Ära: Nach mehr als 13 Jahren an der Spitze des Autobauers gibt Vorstandschef Dieter Zetsche seinen Posten ab. Die heutige Hauptversammlung wird seine letzte als Konzernchef sein. Den Wechsel an der Spitze des Multi-Milliarden-Konzerns hatte Zetsche bereits vor Monaten eingeleitet.
Ab morgen ist Ola Källenius am Zug, bislang Entwicklungschef und schon lange Kronprinz in Stuttgart-Untertürkheim. Viel gesagt hat Zetsche nicht in all den Monaten, seit sein Abschied angekündigt wurde. Immerhin aber, dass er mit sich „total im Frieden“ sei.
Mit dem 66-Jährigen mit dem markanten Schnauzbart, geht auch das Gesicht von Daimler. Der promovierte Ingenieur ist seit mehr als 40 Jahren im Unternehmen und selbst zur Marke geworden. Er hat den Konzern umgekrempelt, ihm die Krawatten ab- und die Sneakers zur Jeans angewöhnt. „Er hat eine Perle daraus gemacht“, sagt der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. „Ohne Zetsche würde Daimler nicht mehr existieren, der hat sie vor der Insolvenz gerettet“, sagte er. Er bezog sich auf die Krise wegen der Übernahme des US-Autobauers Chrysler, die Daimler bei Zetsches Amtsantritt vor mehr als 13 Jahren fast in die Knie gezwungen hatte. „Als Zetsche übernahm, war das ein Scherbenhaufen“, sagte Dudenhöffer. „Da hat nichts gepasst: Weder Modelllinie noch Marken noch Teilmarken.“ Seitdem sei viel passiert. Daimler sei jetzt hip, der Rentner-Benz passé.
Passé sind erst einmal aber auch die Rekorde, die Zetsche noch vor einem Jahr verkünden konnte. Danach zeigte der Handelsstreit zwischen China und den USA Wirkung, dazu kamen Kosten etwa für Dieselrückrufe, Probleme bei der Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP und nur noch ein ganz knappes Plus bei den Autoverkäufen. Die Folge: 2018 musste der Konzern einen herben Gewinneinbruch verbuchen. Und weil weiter viel Geld in den Aufbruch ins Elektro-Zeitalter fließt, gleichzeitig aber die Verkaufszahlen bei den aktuellen Modellen richtig schwächeln, lief auch der Start ins Jahr 2019 eher mies.
So scheidet Zetsche ohne neue Rekordzahlen aus dem Amt, was aber, so hat er es jedenfalls gesagt, weder für Daimler noch für ihn selbst eine Rolle spiele. Auch Dudenhöffer sieht die Leistung Zetsches dadurch nicht geschmälert. „Alle haben momentan Schwierigkeiten, ihre Renditen zu erreichen“, merkt er an.
Källenius wird von Zetsche ein Kartellverfahren der EU und vor allem den Dieselskandal erben. Auch in Mercedes-Autos soll es bei der Abgasreinigung nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Es gibt Ermittlungen, ein Bußgeldverfahren. Zudem müssen hunderttausende Mercedes-Diesel für Software-Updates in die Werkstatt.
Wie seine Agenda aussieht, lässt Källenius bislang offen. Anders als Zetsche ist der Schwede kein Ingenieur, er ist ein Mann der Zahlen. Was die Strategie angeht, heißt es, lägen die Ansichten der beiden aber dicht beieinander. „Er ist keiner, der mit Benzin im Blut auf die Welt gekommen ist. Aber da hat er sich über seine vielen Funktionen richtig gut reingearbeitet“, lobt der Betriebsratsvorsitzende Michael Brecht.
Zetsche wird nun die Entwicklung des Konzerns nun aus der Ferne verfolgen. Für ihn beginnt die sogenannte Abkühlungsphase. Erst wenn die in zwei Jahren abgelaufen ist, kann er sich in den Aufsichtsrat von Daimler wählen lassen. Geplant ist, dass er 2021 dort den Vorsitz übernimmt – und Ola Källenius auf die Finger schaut. afp/dpa