Hannover/Berlin – Kleine Fortschritte sind schon erkennbar: Im Mai waren 79,8 Prozent aller Fernzüge pünktlich. Das teilte die Bahn gestern mit. Doch das reicht nicht, weiß auch Konzernchef Richard Lutz: „Zufrieden sind wir erst, wenn wir diesen Trend verstetigen können. Das bedeutet für uns, im Kampf um jede Minute nicht nachzulassen.“
Längere Fahrzeit
Ein Grund für viele Verspätungen ist die veraltete Infrastruktur. Seine ersten beiden Schnellfahrstrecken will der Konzern daher jetzt sanieren: Knapp 30 Jahre nach Inbetriebnahme der ersten ICE-Strecken Hannover – Würzburg und Mannheim – Stuttgart beginnt die Bahn mit einer Grundsanierung der beiden Verbindungen. Als Erstes wird von Dienstag kommender Woche an bis zum 14. Dezember die Strecke Hannover – Göttingen gesperrt – ein wichtiges Zwischenglied auf der Nord-Süd-Achse zwischen München und Hamburg..
ICE-Reisende zwischen Nord- und Süddeutschland müssen sich auf eine 30 bis 45 Minuten längere Fahrzeit einrichten, die aber schon in die Fahrpläne eingearbeitet wurde. So kommt der ICE, der am Münchner Hauptbahnhof um 10.21 Uhr startet, im Hamburger Hbf nicht um 15.54 Uhr an, sondern um 16.28. Einige ICE fahren auch früher in München los, um die gewohnte Ankunftszeit einzuhalten. Die Züge fahren während der Arbeiten über die Altstrecke – dort gibt es deswegen Ausfälle und Anpassungen im Regionalverkehr.
Die Bahn warb um Verständnis für die Serie von Großbaustellen. Sie sei unvermeidbar, die regelmäßige Instandhaltung reiche nun nicht mehr aus: Die beiden ICE-Strecken seien seit ihrer Eröffnung 1991 im Dauerbetrieb. Auf der 327 Kilometer langen Trasse zwischen Hannover und Würzburg fahren täglich 110 Fernzüge mit rund 42 000 Reisenden durch Niedersachsen, Hessen und Bayern, außerdem im Durchschnitt 26 Güterzüge. Noch höher ist die Belastung auf den 99 Kilometern von Mannheim nach Stuttgart: Dort verkehren jeden Tag 185 Fernzüge mit 66 000 Fahrgästen, hinzu kommen 24 Güterzüge. In die Grunderneuerung der beiden Strecken fließen insgesamt 825 Millionen Euro. Alleine für die Arbeiten von Hannover bis Göttingen hat die Bahn 175 Millionen Euro veranschlagt. Rund 140 Kilometer Gleise, 47 Weichen, 243 000 Schwellen und 405 000 Tonnen Schotter sind erforderlich. Außerdem werden neun Tunnel und acht Talbrücken sowie die Oberleitung saniert. 2021 wird der nächste Abschnitt zwischen Göttingen und Kassel saniert.
Schneller zum Ziel kommen will die Bahn künftig auch abseits der Verbindungen, auf denen die ICE auf über Tempo 250 beschleunigen können. Für Geschwindigkeiten bis 200 Kilometer pro Stunde etwa wird die Strecke Saarbrücken – Kaiserslautern – Ludwigshafen derzeit ausgebaut, Tempo 230 soll auf weiten Teilen der Strecke Hannover – Hamburg möglich sein.
Tempo beim Ökostrom
Ein weiteres Versprechen des Unternehmens: Der Klimaschutz soll in der neuen Strategie der Deutschen Bahn eine zentrale Rolle spielen. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) könne sich darauf verlassen, dass die Bahn ein ebenso ehrgeiziges wie belastbares Programm vorlegen werde, sagte ein Unternehmenssprecher.
Er reagierte damit auf Äußerungen des Ministers. Scheuer hatte den Zeitungen der Funke Mediengruppe gesagt, er habe die Führung der Bahn aufgefordert, zügig ein Konzept vorzulegen, „wie wir zwölf Jahre früher als bisher geplant auf 100 Prozent Ökostrom umstellen – nämlich ab 2038 statt 2050“.
Der Bahn-Sprecher sagte, der Vorstand werde dem Aufsichtsrat in zwei Wochen eine neue Strategie vorstellen. „Die Bahn wird in jedem Fall ihre ökologische Vorreiterrolle weiterhin konsequent ausbauen und verteidigen. Denn die Schiene zu stärken, bedeutet aktiven Klimaschutz.“ Schon Ende dieses Jahres werde die Bahn 60 Prozent ihres Stroms mit erneuerbaren Energien abdecken.