Wie der TÜV Roboterautos prüfen will

von Redaktion

Der TÜV Süd hat neue Prüfverfahren für die Mobilität der Zukunft entwickelt. Drei Jahre lang hatten die Experten zuvor getüftelt. Was fehlt, ist eine Entscheidung der Politik.

VON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

München – Abgasmesssonden sind zur Prüfung der Fahrtauglichkeit autonom fahrender und elektrisch angetriebener Autos kein sonderlich taugliches Instrument. Das leuchtet auch technischen Laien ein. Geprüft werden muss dennoch, nur anders und eher mehr als heute, findet Patrick Fruth.

„Das geht nicht mehr mit den heutigen Prozessen“, stellt der Chef der Mobilitätssparte beim Münchner TÜV Süd klar. Das gelte nicht nur für Hauptuntersuchungen, sondern auch Fahrzeugzulassung und Betriebserlaubnis. Bislang untersuchen Prüfgesellschaften Autos vor allem noch physisch. Aber wenn Computer fahren und Algorithmen durch den Straßenverkehr lenken, braucht es digitale Prüfverfahren.

Die entwickeln die Münchner hinter den Kulissen seit etwa drei Jahren und glauben nun, etwas vorzeigen zu können. „Unsere Digitalisierungsstrategie trägt Früchte“, sagt Fruth. So stehe das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt Pegasus, an dem der TÜV Süd als einzige Prüforganisation mitarbeitet, unmittelbar vor seinem Abschluss. „Wir haben eine Prüfmethode entwickelt, mit der wir autonome Fahrfunktionen abnehmen können“, erklärt der TÜV-Projektleiter für autonomes Fahren, Houssem Abdellatif. Physisch getestet, wie Computer auf der Straße zurechtkommen, wird dabei nur stichprobenartig.

Zwar gibt es ein Testgelände, auf dem bei Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern Alltagssituationen nachgefahren werden. Bei etwa 100 Millionen definierter Szenarien, die ein Computer künftig beherrschen muss, wird aber vor allem per Simulation getestet. Das sei aus Zeit- wie aus Kostengründen gar nicht anders möglich, erklärt Abdellatif.

Auf der Straße im Realbetrieb geprüft würden nur zehn bis 100 Fahrszenarien, also eine verschwindende Minderheit des Gesamtkatalogs. „Wir hoffen, dass sich die Ergebnisse als anerkannte Prüfmethode durchsetzen werden“, sagt der TÜV-Experte. Die Münchner hätten dann beim Prüfgeschäft der Zukunft die Nase vorn.

Weiter ist der TÜV Süd in Singapur: Der südostasiatische Stadtstaat gilt als besonders ambitioniert beim Thema autonomes Fahren, weil der innerstädtische Verkehr langsam Dimensionen erreicht, dass ihn nur Computer noch am Fließen halten können. In Singapur sind die Münchner am Projekt Cetran beteiligt, das den weltweit ersten Standard für die Zulassung vollautomatisierter Fahrzeuge entwickelt hat. Auch der könne als eine Art Blaupause für internationale Standards auf diesem Gebiet dienen, sagt Abdellatif.

Obwohl Autobauer versprechen, dass Roboterautos sicherer unterwegs sein werden als von Menschen gesteuerte, glaubt der TÜV, dass Fahrzeugüberwachung im digitalen Zeitalter noch wichtiger als heute wird. Denn die Mobilität der Zukunft dürfte zumindest in den Städten von Fahrdiensten und Car-sharing bestimmt werden. Das erhöht die Nutzungsdauer von Fahrzeugen. Heute steht ein Auto zu rund 90 Prozent. Künftig soll es zu 80 Prozent fahren, sagt Fruth. Auch müssten Software-Updates für Autos künftig von einer unabhängigen Kontrollinstanz untersucht werden.

Basis aller digitalen Kfz-Prüfungen ist ein Zugang zu den Daten, die Autos in Zukunft in riesigem Ausmaß produzieren werden. Prüfgesellschaften fordern Zugriff auf Originaldaten. Autohersteller wollen den Datenschatz nicht herausrücken.

Sie argumentieren, dass ein Zugang nicht nur vom TÜV zu Prüfzwecken, sondern von Cyberkriminellen genutzt werden könnte. Das ist nachvollziehbar, auch wenn sich dahinter noch ein anderes Motiv verbirgt: „Daten sind Geld“, sagt Gerhard Müller. Er hält beim TÜV Kontakt zur Politik in Berlin und Brüssel. Wenn Autohersteller ihre Datenhoheit verteidigen, wüssten nur sie per Onlineüberwachung, wann ein Auto in die Werkstatt muss und könnten damit das lukrative Wartungsgeschäft im Haus halten. Anders wird es, wenn Dritte Datenzugang erhalten.

Entschieden ist noch nichts. Lange kann die Politik eine Antwort aber nicht mehr vor sich herschieben, weil der Automatisierungsgrad von Fahrzeugen immer mehr steigt. „Es braucht einen gesetzlichen Rahmen“, fordert Müller von der EU. Spätestens Mitte der 20er-Jahre müsse es ihn geben. Denn: „Die technische Entwicklung ist viel schneller als der Gesetzgeber.“

Artikel 4 von 4