Supermarktketten und Discounter in Deutschland haben sich zusammengetan und eine einheitliche Kennzeichnung für die Haltungsform von Schlachttieren geschaffen. Den Etiketten ist nun zu entnehmen, ob die Tiere gemäß gesetzlichen Mindeststandards (Stufe 1, rot), mit etwas mehr Auslauf (Stufe 2, blau), mit Außenklima und weiteren Beschäftigungsmöglichkeiten (Stufe 3, orange) oder nach Bio-Kriterien (Stufe 4, grün) gehalten wurden. An der Initiative beteiligen sich Lidl, Aldi, Netto, Penny, Rewe, Kaufland und Edeka. Über die ersten Erfahrungen sprachen wir mit Christof Mross, Geschäftsführer Einkauf von Lidl Deutschland.
Seit 1. April hat Lidl mit anderen großen Lebensmittelketten eine Fleischkennzeichnung eingeführt. Welche Bilanz ziehen sie nach den ersten Wochen?
Die Einführung war ein Erfolg. Es ist eine branchenweite Lösung, der Kunde hat im gesamten Handel eine einheitliche Orientierung. So kann er bewusst seine Kaufentscheidungen treffen. Unsere Kunden waren mit der Haltungskennzeichnung bereits vertraut, wir hatten Anfang 2018 den Lidl-Haltungskompass als erster Händler eingeführt und für mehr Transparenz geworben.
Ist der Kunde bereit, mehr für die teureren Qualitäten auszugeben?
Die Bereitschaft steigt. Natürlich ist das auch teilweise einkommensabhängig. Es gibt kaufkräftigere Regionen in Deutschland, wo die Leute durchaus bereit sind, für Bioqualität mehr zu bezahlen, wie zum Beispiel München – und andere, wo die Bereitschaft weniger ausgeprägt ist. Aber insgesamt ist festzustellen: Der Zuspruch wächst.
Hat Sie das überrascht? Schließlich gilt der Discount-Kunde als besonders preissensibel.
Nein, es hat mich nicht überrascht. Natürlich haben wir preissensible Kunden und die wollen wir auch weiterhin zufriedenstellen. Aber beim Discounter kauft eine große und vielfältige Kundenschicht ein. Auch einkommensstärkere Kunden wissen zu schätzen, dass es bei uns gute Qualität zum günstigen Preis gibt.
Wie ist denn die prozentuale Verteilung der Kundennachfrage bei den vier Qualitätsstufen?
Wir konnten letztes Jahr viele Produkte bereits von Stufe 1 auf Stufe 2 umstellen und bieten weitere Produkte in den Stufen 3 und 4 an. Knapp die Hälfte der Produkte sind aktuell noch Stufe 1. Wir arbeiten daran, dass wir Fleisch von dieser Stufe auf Stufe 2 oder höher umstellen. Das ist das erklärte Ziel.
Bis wann wollen Sie das schaffen?
Da gibt es momentan noch keinen fixen Termin. Erst mal ist uns wichtig, die Branche und die Landwirte bei diesem Ziel mitzunehmen, damit sich für das Tierwohl wirklich etwas verbessert. Das dauert vielleicht etwas länger, aber es ist nachhaltig.
Lidl hat unlängst einen Vorstoß mit Fairtrade-zertifizierten Bananen gewagt. Das war nicht so erfolgreich, oder?
Bei der Fairtrade-Banane wollten wir vorausgehen und das konventionelle Produkt komplett durch die etwas höherpreisige Fairtrade-Banane ersetzen. Das hat leider nicht funktioniert, viele Kunden hatten die Bereitschaft – noch – nicht, dafür mehr zu bezahlen. Auch ist uns der Wettbewerb in diesem Fall nicht gefolgt. Ab Sommer werden wir drei Bananen-Varianten anbieten, zwei davon Fairtrade-zertifiziert. Beim Fleisch liegt der Fall anders. Hier geht es darum, Transparenz zu schaffen. Wir bieten nicht ausschließlich Bio an, aber wir vergrößern unser Biosortiment sukzessive. Das ist unser Ziel.
Was wollen Sie konkret erreichen?
Wir wollen von jeder Fleischart Produkte in Bioqualität anbieten, das Angebot ausweiten – auch durch die Kooperation mit Bioland. Da wollen wir unsere Kunden mitnehmen, aber wir lassen ihnen die Wahl.
Die Tierwohl-Kennzeichnung kostet den Handel sechs Cent je Kilo Fleisch, die den Landwirten zugutekommen. Warum tun Sie das? Aus Imagegründen oder aus Überzeugung?
Es ist uns wirklich ein Anliegen. Dadurch, dass wir in den Fonds der Initiative Tierwohl einbezahlen, wollen wir den Standard in der Tierhaltung heben. Das wird uns nur gelingen, wenn wir das als Branche gemeinsam tun. Übrigens sind wir als Gründungsmitglied der Initiative dort schon sehr lange engagiert, ohne dass davon viel an die Öffentlichkeit kam. Erst durch die Haltungskennzeichnung wurde das Thema stark sichtbar. Langfristig ist es ohnehin so, dass Kunden so ein Engagement nachfragen. Wir müssen als Branche nachhaltiger werden, das wird dann auch zum wirtschaftlichen Faktor.
Können Sie sich noch in anderen Bereichen eine Kooperation mit Ihren Wettbewerbern vorstellen?
Ja. Die Initiative Tierwohl ist die erste Plattform. Wir würden es sehr begrüßen, wenn solche Plattformen auch in anderen Bereichen funktionieren würden, zum Beispiel beim Thema Soja. Wir haben mit der „Lidl-Soja-Initiative“ ein Projekt in Brasilien gestartet, wo es um den nachhaltigeren und gentechnikfreien Anbau von Soja geht. Wir würden uns freuen, wenn andere aus der Branche da mitmachen würden.
Interview: Corinna Maier