Stromnetz an drei Tagen vor dem Kollaps

von Redaktion

Das deutsche Stromnetz stand im Juni dreimal vor dem Zusammenbruch. Die komplizierten Mechanismen, Nachfrage und Angebot anzugleichen, waren an der Grenze ihrer Möglichkeiten.

VON MARTIN PREM

München – Wären in Deutschland beinahe die Lichter ausgegangen? An drei Tagen im Juni, dem 6., 12. und dem 25., war die deutsche Energiewirtschaft nicht mehr in der Lage, die Nachfrage zu bedienen – und brauchte kurzfristig Hilfe aus dem Ausland, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Das berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf die vier großen deutschen Stromnetzbetreiber (Amprion, Tennet 50 Hertz und Transnet-BW). Es wurde aus dem Stromnetz mehr entnommen, als eingespeist wurde. Die Ursache ist noch nicht geklärt, und es ist nicht sicher, dass sie je wirklich auszumachen ist.

Strom lässt sich speichern – doch bei Weitem nicht in den Mengen, die man bräuchte, um die Schwankungen von Angebot und Nachfrage auszugleichen. Das Kunststück der elektrischen Energieversorgung ist es, immer die Energiemenge ins Netz zu bringen, die Verbraucher und Wirtschaft zur gleichen Zeit entnehmen wollen. Dabei sind die Versorger vor allem auf Informationen angewiesen. Dazu gehört viele Erfahrung, das Wissen, zu welcher Zeit die Nachfrage sprunghaft ansteigt. Möglichst präzise Wetterprognosen sind hilfreich.

Doch all das hilft nicht, wenn die Frequenz im Netz abfällt – ein Zeichen für Mangel. Dann müssen Netzbetreiber blitzschnell reagieren und vorbereitet sein. Deshalb horten sie gewissermaßen eine Reserve. Sie zahlen – in der Regel einem Kraftwerksbetreiber – Geld dafür, dass er eine bestimmte elektrische Leistung zu einer bestimmten Zeit bereithält (Regelleistung). Und Sie zahlen noch einmal dafür, wenn die Reserve tatsächlich angezapft wird (Regelenergie).

Wichtig ist auch noch, wie schnell die Regelenergie verfügbar ist. Binnen Sekunden, das nennt man Primärreserve, binnen fünf Minuten (Sekundärreserve) oder binnen einer Viertelstunde (Minutenreserve). Gefragt sind Kraftwerke, die innerhalb dieser Zeit hochgefahren werden können. Gaskraftwerke, Blockheizkraftwerke oder Wasserkraftwerke sind schnell. Möglich ist es auch, Großverbraucher (etwa Aluminiumhütten) dafür zu bezahlen, dass sie ihre Stromabnahme und damit ihre Produktion drosseln. Bei Überschüssen im Netz – die es auch gibt – müssen Kraftwerke heruntergefahren werden.

Beim Feilschen um die Reserven geht es zu wie beim Wertpapierhandel – mit zum Teil drastischen Preisausschlägen. In der Folge der Knappheit vom vergangenen Dienstag kam es am Samstag zu extremen Kapriolen. Kurzfristig kostete eine Megawattstunde Regelenergie bis zu 37 858 Euro. In ruhigen Zeiten sind es um die 1000 Euro. Das trieb die Kosten für die Regelenergie, die an normalen Tagen einige 1000 Euro ausmacht an diesem Tag auf 17 Millionen Euro.

An den möglichen Ursachen forscht die Bundesnetzagentur noch. Mit Ergebnissen ist frühestens in einer Woche zu rechnen. Die Energiewende wird mit Schwankungen gern in Verbindung gebracht. Doch ein zuverlässiges Stromnetz hat immer schon Regelenergie benötigt. Freilich macht die Unzuverlässigkeit von Wind und Sonne die Sache nicht gerade leichter kalkulierbar.

Doch es könnte auch Absicht dahinterstecken. Es ist durchaus möglich, dass einzelne Anbieter Reservekapazitäten lange zurückhalten, um durch die Knappheit höhere Preise zu erzielen. Bei stark schwankenden Preisen für Regelleistung und Regelenergie stand auch früher schon stets der Verdacht der Spekulation im Raum.

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