Frankfurt – „Zeitenwende“, „radikalster Umbau seit Jahrzehnten“, „Wiederbelegung unserer traditionellen Werte“ – Christian Sewing legt die Axt ans Investmentbanking wie keiner seiner Vorgänger bei der Deutschen Bank. Zu groß, zu teuer, zu riskant. Der radikale Umbauplan, den die Deutsche Bank am Sonntag nach fünf Monaten Vorbereitung vorgelegt hat, ist auch eine Abrechnung.
Eine Abrechnung Sewings mit seinen Vorgängern an der Spitze des größten deutschen Geldhauses, die das Abenteuer an der Wall Street suchten. „Wir haben versucht, überall mitzumischen – und zwar gleichzeitig. Und das hat uns überfordert“, urteilt Sewing. Mit Blick auf das Investmentbanking betont er: „Die Tage der spektakulären Ambitionen in diesem Bereich liegen hinter uns.“ Es gehe nicht mehr um „kurzfristige Gewinne, die langfristig eine Belastung sein können“.
Sewing will das Kapitalmarktgeschäft nicht nur entrümpeln und zum Beispiel den weltweiten Aktienhandel ganz aufgeben. Er fordert auch eine neue Haltung: „In den letzten beiden Jahrzehnten ist uns unserer innerer Kompass abhandengekommen.“
Zinsmanipulation (Libor), fragwürdige Hypothekengeschäfte, Geldwäscheverdacht – wo immer in den vergangenen Jahren ein Skandal hochkochte: Die Deutsche Bank war beteiligt. Die Milliardengewinne aus dem Investmentbanking aus Zeiten vor der Finanzkrise 2007/2008 entpuppten sich als unkalkulierbarer Sprengstoff. Immer klarer wurde: Das Haus war mitnichten „besenrein“, wie Josef Ackermann es zu seinem Abschied nach einer Dekade als Deutsche-Bank-Chef im Frühjahr 2012 versprochen hatte. Während die US-Konkurrenz direkt nach der Finanzkrise Bilanzen und Geschäfte entrümpelte, wurschtelte sich die Deutsche Bank weiter durch.
Erst 2015 analysierte Sewings Vorgänger John Cryan schonungslos, wie schlecht es um die Deutsche Bank tatsächlich bestellt ist: Alles müsse auf den Prüfstand. „Den Status quo beizubehalten, ist keine Option“, betonte der Brite.
Cryan schrieb zig Milliarden auf einst hochgepriesene Zukäufe wie Postbank und Bankers Trust ab und mutete dem Institut damit das höchste Minus in einem Quartal in der Firmengeschichte zu: 6,2 Milliarden Euro. Weil Cryan auch Rechtslasten schnell loswerden wollte, stand unter dem Strich für das Gesamtjahr 2015 mit rund 6,8 Milliarden Euro der höchste Verlust in der Unternehmensgeschichte.
Allein: Auch Cryans Bemühungen waren zu zaghaft. Nun soll Sewing das Ruder herumreißen. Als vierter Vorstandschef in der Amtszeit von Aufsichtsratschef Paul Achleitner – einem Chefkontrolleur, der selbst große Stücke auf das Investmentbanking hält.
Noch Ende April, nach der Absage einer Fusion mit der Commerzbank, lehnte Achleitner einen Strategiewechsel in der Investmentsparte ab. Jeder Manager müsse sich ständig an ein sich wandelndes Marktumfeld anpassen, sagte Achleitner damals der „Financial Times“: „Es geht hier nicht um Strategie, sondern um Ausführung.“
Sewing emanzipiert sich und zeigt sich entschlossen, zu liefern. Der Umbau, dem auch Tausende Stellen zum Opfer fallen werden, sei detailliert geplant. „Wir müssen unseren starken Geschäftsfeldern wieder die Luft zum Atmen geben“, betont Sewing. Nötig sei aber auch eine neue Führungsmannschaft: „Diese Bank wird geführt von verantwortungsvollen Managern, die als Team agieren und nicht wie eine Ansammlung von Individuen.“
An der Börse verfliegt die anfängliche Euphorie schon nach wenigen Stunden. Denn der Umbau dauert und kostet Milliarden. Die Aktie ab um fünf Prozent nach.
Der am Wochenende angekündigte Abbau von 18 000 Vollzeitstellen bis 2022 bei der Deutschen Bank ist indes bereits in vollem Gange. „In den Geschäftsbereichen, in denen wir uns zurückziehen, haben wir mit dem Prozess heute morgen begonnen“, sagt Vorstandschef Sewing. „Das betrifft nicht nur Asien, sondern auch andere Regionen“. Gehen müssen Investmentbankerinnen und -banker offenbar auch in London und New York. Ihre Verträge sind so gestaltet, dass sie zwar gut verdienen, dafür aber auch von einem auf den anderen Tag bei vereinbarter Abfindung mit der Kündigung rechnen müssen.
Einzelheiten des „schmerzlichen Teils“ des Umbaus nannte Sewing nicht. „Wir werden dies heute nicht mit Details für einzelne Regionen bekannt geben. Wir sprechen zuerst mit unseren Beschäftigten“. Damit bleibt unklar, wie viele der 18 000 Stellen wo und wann wegfallen. Offen ist auch, ob in Deutschland Filialen geschlossen werden. Konzernbetriebsratschef Frank Schulze schätzt, dass hierzulande 6000 bis 10 000 Stellen wegfallen könnten. Unklar ist auch, ob die Bank auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten kann.