Johannesburg – Afrika will zum Binnenmarkt werden. 2020 soll dort die größte Freihandelszone der Welt entstehen: Ein Markt von 1,2 Milliarden Menschen. Das befeuert die Erwartungen von Investoren und Wirtschaftslenkern. „Durch die Freihandelszone eröffnen sich Chancen über Landesgrenzen hinweg mit deutlich größerem Marktpotenzial“, sagt der Chef von Volkswagen Südafrika, Thomas Schäfer. „Investitionen, insbesondere deutscher Unternehmen, machen gerade jetzt in dieser frühen Phase Sinn.“ Beim jüngsten Gipfel der Afrikanischen Union (AU) in Niamey (Niger) ist der Startschuss für das panafrikanische Freihandelsabkommen AfCFTA gefallen, nachdem auch Nigeria seinen Beitritt erklärt hatte.
„Die neue Freihandelszone könnte den innerafrikanischen Handel bis zum Jahr 2040 um 15 bis 25 Prozent steigern“, schätzt Joachim Lang, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Er ist sicher: „Eine panafrikanische Freihandelszone vereinfacht langfristig Investitionen und Handel deutscher Unternehmen mit den über 50 Ländern Afrikas.“
Dieser ist heute durch hohe Einfuhrzölle und Bürokratie-Hürden geprägt. Die geringe Marktgröße der einzelnen Länder schreckt nach Ansicht der für Afrika zuständigen BDI-Referentin Jennifer Howe Investoren ab. Durch die Vereinfachung des innerafrikanischen Handels sollen sie verstärkt ins Land kommen.
„Durch freie Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehre in Verbindung mit der extrem schnell voranschreitenden Digitalisierung hat Afrika die Chance, erhebliches Wachstum zu generieren“, glaubt VW-Mann Schäfer.
Bei der AU herrscht Euphorie. „Jedes Jahr wird es eine Zwischenbilanz geben, um zu sehen, wie weit wir bei der Umsetzung des Abkommens sind“, sagte der AU-Handelsbeauftragte Albert Muchanga. Allerdings mangelt es angesichts der ambitionierten Pläne nicht an skeptischen Stimmen – auch auf dem Kontinent selbst. „Dem Freihandel zuzustimmen und ein entsprechendes Beitrittsabkommen zu unterzeichnen, ist stets einfacher, als es umzusetzen“, warnt der südafrikanische Analyst Gary van Staden mit Hinweis auf gesetzliche und technische Anpassungen. Die auf Auslandsniederlassungen in Afrika spezialisierte Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner sieht es ähnlich. „Bislang ist die Freihandelszone nur auf dem Papier geschaffen; die Zeit wird zeigen, wie die afrikanischen Staaten nun dieses Abkommen mit Leben füllen“, betont José Campos Nave. Doch auch er sieht große Chancen für deutsche Unternehmen: „Insbesondere in Afrika besteht ein Nachholbedarf an Waren und Dienstleistungen.“ Vor allem bei Infrastruktur, Wasser und Abwasser, Energie, Nahrungsmitteln und Landwirtschaft entstünde ein riesiger Absatzmarkt. RALF E. KRÜGER