München – Das war der eindrucksvollste Auftritt am französischen Nationalfeiertag: Der Jetski-Rennfahrer Franky Zapata flog vor tausenden Zuschauern wie Superman durch die Pariser Luft. Nun waren es keine Superkräfte, die ihm die Schwerkraft überwinden ließen. Er stand auf einem Flyboard Air, dem derzeit wohl kleinsten Fluggerät, das einen Menschen tragen kann. Fünf winzige Triebwerke ließen Zapata scheinbar schwerelos über die Champs-Elysées mit über 100 Kilometern pro Stunde und bis in 150 Meter Höhe navigieren.
Ein Sturmgewehr in der linken Hand sollte zeigen: Hier geht es nicht um Sport, sondern um Krieg. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte nicht ohne Hintergedanken andere europäische Staatschefs, darunter Kanzlerin Angela Merkel (CDU), zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille eingeladen. Zwei Botschaften wollte er vermitteln: Wir sollten unsere Verteidigung europäisieren. Doch entscheidend ist die zweite. Wenn ihr nicht wollt, können wir’s auch allein.
Nun ist der Raketensoldat (daraus könnte auch ein Raketenpolizist oder -feuerwehrmann werden) keineswegs einsatzbereit. Er kommt gerade einmal vier Kilometer weit und nach zehn Minuten sind die Tanks leer. An einer Verdreifachung der Flugzeit wird gearbeitet.
Durch den aufsehenerregeneden Flug von Paris geriet eine zweite – strategisch wichtigere – Entscheidung Macrons aus dem Rampenlicht: Tags zuvor hatte er den Aufbau eines militärischen Weltraumkommandos angekündigt und den Ausbau der Luftwaffe zu Luft- und Weltraum-Streitkräften.
Das ist nicht nur die Antwort auf die Space-Force, die US-Präsident Donald Trump vor knapp einem Jahr verkündet hatte. Es ist die Reaktion auf einen langjährigen Kampf um die militärische Vorherrschaft im Weltall zwischen Russland und den USA.
Bereits heute ist die US-Army der größte Auftraggeber für Flüge ins All. Die Missionen aber unterliegen strengster Geheimhaltung. Die Russen stehen ihnen da aber kaum nach. Und spätestens seit 2007, als die chinesische Armee einen ausgemusterten Satelliten abschoss – und damit tausende Trümmer gefährlichen Weltraumschrotts erzeugte – ist auch China im Rennen um die militärische Beherrschung des erdnahen Weltraums. Keiner weiß, wie viele Satelliten als orbitale Schläfer im Weltraum stationiert sind, die irgendwann einmal losschlagen können, um andere Satelliten aus ihrer Bahn zu werfen.
So könnten Satelliten, die auch militärisch genutzt werden, etwa für Navigation oder Erd- und Wetterbeobachtung, zu einer Achillesferse der gesamten Verteidigung eines Landes werden. Die einzige Gegenwehr, die sich anbietet, besteht darin, es potenziellen Gegnern mit gleicher Münze heimzahlen zu können. Diese Möglichkeit will sich Macron nicht nehmen lassen.
Die dritte Botschaft Macrons richtet sich an die deutsche Politik – entweder dabei mitzumachen oder in Fragen der äußeren Sicherheit auf Dauer am Tropf starker aber nicht immer zuverlässiger Beschützer wie den USA zu hängen.
Dass die Grenzen zwischen Luft und Weltraum verschwimmen, zeigt eine andere, neue Waffe, die derzeit der ganze Stolz von Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist: Awangard ist ein Hyperschallflugkörper, der am 26. Dezember 2018 erfolgreich getestet wurde.
Wenn mit Fotos über den Test berichtet wird, sieht man nur den Feuerschweif einer startenden Interkontinentalrakete. Sie ist aber nur der Transporter, der Awangard in den unteren Weltraum transportiert und auf mehrfache Schallgeschwindigkeit beschleunigt
Erst hier beginnt der Gleitflug der eigentlich ein Höllenritt ist. Mit einem Tempo bis zur 23fachen Schallgeschwindigkeit und mit durch die Luftreibung erzeugenten Temperaturen von mehreren tausend Grad rast der Flugkörper auf die Erde zu, wird dabei immer wieder von den obersten Atmosphärenschichten nach oben geschleudert, wie ein flacher Stein über einer Wasserfläche. Er ist damit mit heutiger Technik nicht abzufangen – weshalb die Russen sich militärisch derzeit vorn sehen.
Auch Chinesen arbeiten an der Hyperschalltechnik, sind aber längst nicht so weit. Amerikaner und Europäer haben die Hyperschallentwicklung seit den 1990er Jahren auf Sparflamme betrieben. Sie können derzeit nicht mithalten.
Dabei war das, worauf Putin so stolz ist, im Kern die 80 Jahre alte Erfindung eines in Deutschland forschenden Österreichers. Eugen Sänger entwickelte in Trauen in Niedersachsen den Antipodengleiter, der Awangard auf verblüffende Weise ähnelt. Er sollte Hitlers Bomben aus Europa bis in die USA tragen. Als klar wurde, dass die Entwicklung zu lange dauern würde, um im geplanten Weltkrieg noch eingesetzt werden zu können, verloren die Nazis das Interesse daran.
Zweimal wurde mit großen Ambitionen versucht, die Technik in Deutschland wiederzubeleben – zuletzt zwischen 1988 und 1993 bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). Es war eine der wenigen Fälle, bei denen deutsche Raumfahrt-Entwickler zumindest auf Augenhöhe mit Russen und Amerikanern standen. Doch die Politik zog sich zurück. Nachdem MBB in der Dasa aufgegangen war, stellte das Management die, wie es hieß, „Spielereien“ wieder ein.
Die Versuchsanlagen in Ottobrunn (Landkreis München) seien verschrottet worden, berichtete unsere Zeitung bereits einmal. Das triff nach neueren Erkenntnissen nicht zu. Sie wurden heimlich an einen geheimen Ort in Sicherheit gebracht.
Es gibt durchaus aussichtsreiche – wenn auch vernachlässigte Ansätze – für Technologien, mit denen sich Deutschland nicht hinter Macron verstecken müsste.