München – Es war ein bisschen wie ein unschöner Kratzer im sonst makellosen Lack und hat auch immer wieder für Kritik gesorgt: Als Harald Krüger den Chefsessel von BMW übernahm, war der Münchner Konzern unbestritten weltweit die Nummer eins unter den so genannten Premium-Autoherstellern. BMW gelang es sogar, die Marke Mercedes auf Distanz zu halten.
Doch Krüger konnte den Platz an der Spitze nicht halten. Mercedes überholte. Und zuletzt war auch Mercedes samt Smart sehr nah an dem Münchner Konzern mit seinen Marken BMW, Mini und Rolls-Royce dran. Doch im zweiten Quartal 2019 drehte sich der Wind: Mercedes konnte nur noch 18 977 Autos mehr absetzen und im Juli lag die Marke BMW bei einem Absatz von 2707 Autos sogar vor Mercedes.
Nun war weder der verlorene Vorsprung noch die zuletzt gelungene Revanche Krüger ernsthaft zuzurechnen. Mercedes litt lange an folgenschweren Fehlern aus den 1990er Jahren und hat mit zahlreichen neuen Modellen erfolgreich kopiert, was BMW und auch Audi mit ihren Modellfeuerwerken in den letzten jahren vorgemacht hatten. Und dabei hatte Mercedes wohl übertrieben: Nach zwei Gewinnwarnungen fiel das Daimler-Ergebnis vor Steuern und Zinsen im zweiten Quartal mit minus 1,6 Milliarden tief in den roten Bereich. Das will Konzernchef Ola Källenius durch ein Streichkonzert bei der Modellvielfalt wieder einfangen. Teile des Feuerwerks werden also einfach abgefackelt. Solche Probleme hat BMW derzeit nicht.
Für sich gesehen sind auch die BMW-Zahlen fürs zweite Quartal alles andere als berauschend: Gegenüber den Vorjahreszahlen meldete BMW einen Einbruch beim Ergebnis (vor Steuern und Zinsen) um 19,6 Prozent. Doch gemessen am DaimlerDebakel kann sich die Zahl mit 2,2 Milliarden durchaus sehen lassen. „Wir können uns auch in einem schwierigen politischen und wirtschaftlichen Marktumfeld besser als viele Wettbewerber behaupten“, sagte Finanzvorstand Nicolas Peter.
Damit ist der Verlust von 310 Millionen Euro aus dem Ersten Quartal mehr als wettgemacht. Diesen Verlust hatte BMW übrigens unter anderem Daimler zu verdanken: Die Stuttgarter hatten sich wegen Absprachen bei der Abgasanachbereitung selbst angezeigt, um einer Strafe zu entgehen. BMW rechnet wegen der offenbar rechtswidrigen Absprachen aller Autobauer mit einer Strafe von 1,4 Milliarden. Das Geld wurde im ersten Quartal zurückgestellt – und führte zu einem Verlust.
Mit einem zweiten Vorwurf wurde Krüger in den letzten Wochen immer wieder öffentlich konfrontiert: Er habe den Vorsprung von BMW bei der Elektromobilität aufgegeben. Das will er nicht auf sich sitzen lassen: „Beim Elektroantrieb entwickeln wir bereits die fünfte Generation,“ sagte er. Das sei der erste Elektromotor, der ohne seltene Erden auskomme. „Das hätten wir nicht geschafft, wenn wir nicht mit dem i3 begonnen hätten.“
Doch der Markt setzt nach wie vor ganze andere Akzente: Das zunehmend in die Kritik geratende Segment der „Sport Utility Vehicles“ (SUV) ist nach wie vor das Segment mit der am stärksten wachsenden Nachfrage. „Unsere X-Familie legte im ersten Halbjahr um fast ein Viertel zu“, sagte Krüger. Vor allem das neue Flaggschiff X7 erwies sich dabei als Publikumsmagnet. Es ließ auf Anhieb alle ähnlich großen Konkurrenten hinter sich. Diesen Geländewagen hatte BMW bereits vor vielen Jahren in Vorbereitung. Unter Krügers Vorgänger Norbert Reithofer wurden die Pläne gestoppt – um BMW auf ökologische Effizienz zu trimmen.
Keine Aussage war Krüger über seine persönliche Zukunft zu entlocken. Er gehe im August „erst einmal in Urlaub“, sagte er. Und er verlässt den Konzern offenbar nicht im Zorn. „BMW war 27 Jahre meine berufliche Heimat“, sagte er. „Sie können sich vorstellen, dass die BMW Group immer einen Platz in meinem Herzen haben wird.“