Hat Boeing ein zweites Albtraum-Modell?

von Redaktion

VON FRIEDEMANN DIEDERICHS

Washington/Seattle – Im April diesen Jahres veröffentlichte die „New York Times“ einen Beitrag, den der Boeing-Konzern in Seattle prompt und erwartungsgemäß dementierte. Nach den Pannen beim Erfolgsmodell 737 MAX, die innerhalb weniger Monate zu zwei Abstürzen mit 346 Toten geführt hatten, sei auch die Boeing 787 – vom Werk aufgrund seiner Sparsamkeit im Verbrauch und Geräuscharmut als „Dreamliner“ verkauft – kein sicheres Flugzeug. Die Zeitung bezog sich auf interne Mails, Mitarbeitergespräche und dem Blatt zugespielte Dokumente, die schlampige Konstruktionsarbeit am Standort Charleston (US-Bundesstaat South Carolina) belegen sollten. Er habe seiner Frau versprochen, dass er niemals mit dem „Dreamliner“ fliegen werde, zitierte das Blatt einen Boeing-Angestellten.

Nun scheint der Vorfall von Rom vom vergangenen Samstag jene Kritiker zu bestätigen, die auch in der Boeing 787 ein Problem-Modell sehen. Hunderte von Metall-Fragmenten – nach bisherigen Erkenntnissen von einem der Rolls-Royce-Triebwerke des Modells Trent 1000 – fielen 23 Minuten nach dem Start als glühende Späne über einem Vorort aus dem Himmel, trafen mindestens 25 Autos und ein Dutzend Häuser. Glücklicherweise wurde nur eine Person verletzt, und die 298 Passagiere der Norwegian Airlines auf dem Flug nach Los Angeles verließen den nur fünf Jahre alten Jet unverletzt, nachdem die Piloten einen Notfall erklärt und zum Airport Fiumicino zurückgekehrt waren.

Die Ereignisse von Rom reihen sich in eine lange Liste von Vorkommnissen ein, die Berufspiloten in eine dafür vorgesehene Pannen-Datenbank zum „Dreamliner“ eingegeben haben. Nicht bei allen Vorfällen ist die Fluggesellschaft genannt.

So musste 2018 ein internationaler Flug abgebrochen werden, nachdem die Cockpit-Instrumente in einem der Triebwerke einen zu starken Ölverbrauch registriert hatten. Eine Inspektion am Boden ergab, dass aus dem Triebwerk eine größere Menge Öl auslief und dass wichtige interne Komponenten ebenfalls in Öl getränkt waren. Ein Triebwerksausfall wäre hier wohl nur eine Frage der Zeit gewesen. Im November letzten Jahres berichtete ein Flugkapitän von einem Problem mit dem Ausfahren der Landeklappen – und kommentierte, es hänge wohl mit der Korrosion zusammen, die die „Dreamliner“-Flotte seiner Fluggesellschaft plage.

Im Februar 2018 platzte im Cockpit einer 787 dann in einer Höhe von rund 12 000 Metern die Frontscheibe. Die Piloten, die dennoch sicher landen konnten, beschrieben den Vorfall so: „Als ob ein Schuss abgefeuert würde.“

Diese von unabhängigen Piloten gemeldeten Vorgänge machen den Bericht der „New York Times“ umso plausibler. So hatte das Blatt berichtet, Techniker hätten nach der Fertigstellung der „Dreamliner“-Modelle vergessen, Werkzeuge, überflüssige Bauteile und Metallspäne zu entfernen. Erst später seien von den Airlines diese Versäumnisse entdeckt worden. Die auch durch extremen Fertigungs-Zeitdruck begünstigten Schlampereien hätten zu gefährlichen Situationen führen können, vor allem weil sie die Nähe zu Triebwerken und elektronischen Systemen betroffen hätten.

Aus diesem Grund hätte beispielsweise einer der Boeing-Großkunden, „Qatar Airways“, eine Zeitlang keine bestellten „Dreamliner“-Modelle mehr akzeptiert. Boeings Stellungnahme war nach dem Bericht nahezu deckungsgleich mit den ersten Reaktionen nach den beiden 737-MAX-Katastrophen. Man produziere „den höchsten Grad an Qualität“ und stehe hinter der Arbeit, die die Mitarbeiter verrichteten, so ein Boeing-Abteilungsleiter.

Doch andere Airlines ziehen nun ebenfalls Konsequenzen. So hielt „Air New Zealand“ jetzt zwar an einer „Dreamliner“-Bestellung fest, machte aber zur Bedingung, dass anstelle der Rolls-Royce-Triebwerke der Jet nun mit Triebwerken des US-Konzerns General Electric ausgestattet wird.

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