Essen/München – Thyssenkrupp hat eine mehr als 200-jährige Geschichte hinter sich. Nach roten Zahlen und wiederholten Strategiewechseln droht dem Stahl- und Industriekonzern gar der Abstieg aus dem Dax.
Ob es dazu kommt, gibt die Deutsche Börse heute nach Handelsschluss bekannt. Dass Thyssenkrupp, dessen Vorläufer Thyssen zu den Dax-Gründungsmitgliedern zählt, die Top-Liga der deutschen Börsenwerte wahrscheinlich verlassen muss, ist auch Konzernchef Guido Kerkhoff klar. „Es gibt gerade Wichtigeres, als der Zugehörigkeit zu einem Index nachzutrauern“, sagte er dem „Spiegel“.
Wer bei Marktkapitalisierung oder Börsenumsatz schwächelt, kann den Regeln zufolge aus dem Leitindex fliegen. Bei beiden Werten sieht es für die Essener schon lange nicht mehr gut aus. Nicht einmal mehr 7 Milliarden Euro bringt der Konzern mit seinen weltweit mehr als 160 000 Mitarbeitern an Börsenwert auf die Waage. Nachfolger von Thyssenkrupp im Dax wird voraussichtlich der Münchner Triebwerksbauer MTU. Er hat nach Einschätzung des Analysten Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg das Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen gewonnen.
Für Thyssenkrupp könnte das Dax-Aus nicht nur einen Imageverlust bedeuten. „Der Abstieg aus dem Dax hätte auf jeden Fall einschneidende Folgen für die Aktie von Thyssenkrupp“, meint Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. Inzwischen lägen 6 bis 7 Prozent aller Dax-Aktien in passiven Fonds, die den Dax nachbauten. „Das bedeutet, dass 6 bis 7 Prozent der Thyssenkrupp-Aktien demnächst den Besitzer wechseln könnten.“ Dann sei ein Angriff auf den Essener Konzern ein Stück einfacher, „weil mehr Aktien verfügbar sind“.
Das Schreckgespenst einer Zerschlagung geht bei Thyssenkrupp schon länger um. Kerkhoff will unter anderem mit dem Börsengang der profitablen Aufzugssparte von Thyssenkrupp dagegenhalten. So soll Geld in die Kassen kommen, mit dem auch der Stahlbereich stabilisiert werden soll. Denn entgegen ursprünglicher Planungen bleibt Stahl nach dem Veto der EU-Wettbewerbshüter gegen die Fusion mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel notgedrungen Kerngeschäft des Ruhrkonzerns.
Auch ein Verkauf der Aufzugssparte, mit der Thyssenkrupp mehr verdient als mit den übrigen Geschäften zusammen, scheint nicht mehr ausgeschlossen. Kerkhoff versucht jedenfalls, ein Bieterrennen von Investoren und Wettbewerbern anzuheizen. Bei einem Börsengang sei der Zug für sie abgefahren, ließ er öffentlich wissen.
Spekulationen um den Verkauf der Sparte, die deutlich höher bewertet wird als der Gesamtkonzern, haben den Aktienkurs von Thyssenkrupp zuletzt ein wenig nach oben getrieben. Zeitweise kostete das Papier wieder um die 11 Euro. Den Dax-Verbleib dürfte das kaum sichern. Denn in den 13 Monaten seit dem Amtsantritt vom Kerkhoff steht ein Kursverlust von fast 50 Prozent zu Buche.
Große Chancen für eine Rückkehr in die erste Börsenliga sieht Dax-Fachmann Schiereck für Thyssenkrupp nicht. Nur Negatives müsse ein Platz im MDax der mittelgroßen Werte für Thyssenkrupp aber nicht mit sich bringen. Dort dürften die Essener „ein sehr sichtbarer und dominanter Wert werden“. Das sei ein wenig wie im Fußball: „Dort finden es die Fans auch interessanter, wenn ihre Mannschaft in der 2. Liga oben mitspielt, statt in der 1. Liga abgeschlagen zu sein.“