München – Als Stephan Gillich in den 80er-Jahren an der Technischen Universität in München an ersten Projekten zu Künstlicher Intelligenz forschte, war das Fachgebiet eine belächelte Nische. In der Theorie klangen die Ideen der Informatiker zwar ganz nett, was fehlte, waren praxistaugliche Anwendungen. Die Abkürzung KI für künstliche Intelligenz war damals weitgehend unbekannt.
Die Idee klang auch zu schön um wahr zu sein: Computer werden so programmiert, dass sie in der Lage sind, sich Dinge selbst beizubringen. Mathematische Modelle, wie das funktionieren könnte, gab es zwar bereits seit den 50er-Jahren, aber selbst in den 80er-Jahren fehlte den Informatikern die Rechenkraft, um riesige Datenberge zu durchpflügen – genau genommen gab es verglichen mit heute noch nicht einmal Datenberge.
Das ist heute anders: Seit 2012 erlebt die künstliche Intelligenz einen regelrechten Boom. Heute sind spezielle Algorithmen in der Lage, Profispieler in Strategiespielen wie Schach oder Backgammon zu schlagen. Die Spracherkennung von Programmen wie Siri oder Alexa ist Alltag von Millionen von Menschen.
Auch Stephan Gillich arbeitet heute nicht mehr an komplizierten Theorien, für den US-Chiphersteller Intel denkt sich Gillich in der Niederlassung des Konzerns in Feldkirchen (Landkreis München) marktfähige KI-Anwendungen aus. Ein Schwerpunkt: Die Medizintechnik. Für Siemens Healtheneers entwickelt Gillich aktuell an einer sekundenschnellen Bilderkennung, um den Klinikalltag von Ärzten zu verbessern.
Die Ausgangslage: Die Zahl der alten Menschen nimmt zu, die Kosten im Gesundheitswesen steigen, gleichzeitig fehlt medizinisches Personal. Die Lösung der Intel-Programmierer: Rechner sollen selbst komplexe Aufgaben von Ärzten übernehmen –und zwar deutlich günstiger.
„In vielen Krankenhäusern kommen jeden Tag bald drei Terabyte an Daten zusammen“, sagt Gillich. Darunter finden sich beispielsweise Röntgenbilder von Knochen oder auch Magnetresonanz-Aufnahmen von Herzkranzgefäßen. Nach wie vor seien es aber Ärzte, die die Bilder am Ende auswerteten.
Künftig sollen Algorithmen diese Arbeit übernehmen: „Was die KI so interessant macht, ist die Effektivität der Datenanalyse.“ Das System wertet Millionen Bilder aus und schlägt frühzeitig Alarm. „Die KI kann dann warnen: Hier ist eine Knochenkrankheit im Anmarsch“, erklärt Gillich – lange bevor die Krankheit ausbricht. Noch seien die Geräte von Siemens Healthineers nicht auf dem Markt, Gillich hält das aber nur für eine Frage der Zeit. „Die KI wird immer besser, je mehr sie trainiert wird.“ Die Algorithmen sollen bald sogar in der Lage sein, während einer Computertomografie das schlagende Herz in Echtzeit zu analysieren.
„KI wird oft dargestellt, als ginge es dabei um humanoide Roboter“, sagt Gillich. „In Wahrheit ermöglicht die KI aber eine Menge Dinge, die im verborgenen liegen.“ Der IT-Experte nennt unter anderem die Auswertung von Drohnenbildern in der Landwirtschaft, eine kluge Steuerung des Energiesektors und das Fahren von autonomen Autos. „Die KI wird ähnliche Auswirkungen auf unser Leben haben wie das Internet als solches“, glaubt Gillich.
Bleibt die Frage: Lässt sich die Bilderkennung auch in der Militär- und Überwachungstechnik einsetzen? Der Informatiker antwortet ausweichend: Ziel von Intel sei es ausdrücklich, mit seinen Projekten das Gemeinwohl zu fördern. Gillich sagt aber auch: „Jeder kann die Technologie kaufen und auch unsere Prozessoren nutzen, wofür er möchte.“