„Sparer stecken in einem Dilemma“

von Redaktion

INTERVIEW Christian Thimann, Ex-Berater von EZB-Chef Draghi, über die Grenzen der Zinspolitik

Im September hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre ultralockere Geldpolitik noch einmal verschärft, die Zinsen bleiben voraussichtlich noch viele Jahre niedrig. Wir sprachen mit dem früheren Berater von EZB-Chef Mario Draghi über die Folgen dieser Politik.

Bankkunden drohen Negativzinsen, Kontogebühren steigen, Sparverträge werden gekündigt, die klassische Lebensversicherung ist tot. Wie können Verbraucher überhaupt noch risikolos fürs Alter vorsorgen?

Sparer suchen zwei Dinge: Rendite und Sicherheit. Sparer brauchen Rendite für einen Vermögensaufbau, um beispielsweise für spätere Pflegeausgaben vorzusorgen. Und Sicherheit brauchen Sparer, um nachts ruhig schlafen zu können. Über Jahrzehnte hat die klassische Lebensversicherung das geboten. Und im Anlagebereich boten Staatsanleihen diese unschätzbare Kombination von Rendite und Sicherheit.

Wie sieht es heute aus?

Bei Negativzinsen auf Staatsanleihen ist sicheres Sparen nicht mehr möglich. Sparer werden stattdessen gedrängt, in riskantere Anlageformen zu wechseln. Sei es in Aktien, in Realwerte wie Immobilien oder in ausländische Werte, die oft in einer anderen Währung gehandelt werden. Und Produkte der Lebensversicherungen haben heute oft einen fondsgebundenen Anteil, was sie automatisch riskanter macht.

Was ist die Konsequenz für Sparer?

Sie stecken in einem Dilemma: Entweder sie gehen auf Nummer sicher, dann müssen sie auf die Rendite verzichten – und ihr reales Vermögen schrumpft. Denn mit einer risikolosen Anlage ist heute nicht einmal mehr ein Inflationsausgleich möglich.

Bleibt die riskante Anlage.

Die ist deshalb problematisch, weil sie große Kenntnisse und einen viel längeren Zeithorizont erfordert. Aktien schwanken sehr stark. Selbst bei Indizes sehen wir, was passieren kann: Letztes Jahr war die Gesamtrendite im Dax negativ. Und Immobilien sind überbewertet.

Woran machen Sie das fest?

Ganz einfach: Sobald Münchner Familien mit einem Durchschnittseinkommen wegen der hohen Immobilienpreise nicht mehr in München leben können, sind die Preise gesellschaftlich zu hoch.

Wo liegen die Ursachen dieses Problems?

Kapital gibt es weltweit momentan im Überfluss. Da es aber zu wenig investiert wird, sinken die Zinsen. Dass die Zinsen auf null gerutscht und teilweise sogar negativ sind, ist auch mit der aktuellen Politik der Europäischen Zentralbank zu erklären. Weil die EZB meint, man müsste mehr Liquidität in die Märkte schaffen, kauft sie Staatsanleihen im großen Stil. Das hat zur Folge, dass die Renditen auf Staatsanleihen in ganz Europa stark fallen und in Deutschland in den negativen Bereich rutschen. Ohne den Eingriff der Zentralbank, das muss man so sagen, wären die langfristigen Zinsen in Deutschland gewiss positiv.

Aber ist die EZB nicht dazu gezwungen, Geld in die Wirtschaft zu pumpen, um ihr Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen?

Wir müssen hier sehr präzise sein: Das Inflationsziel lautet nicht zwei Prozent. Das vertraglich festgelegte Ziel ist die Preisstabilität. Die EZB definiert ihrerseits Preisstabilität bei einer Inflation nahe zwei Prozent, aber unter zwei Prozent. Und deswegen ist die große Frage: Wenn die Inflation bei 1,5 Prozent liegt, muss man sie dann wirklich noch künstlich erhöhen? Hinzu kommt: Würde man die Immobilienpreise bei der Berechnung der Inflation im Warenkorb berücksichtigen, läge sie sicher heute schon über zwei Prozent und vielleicht sogar nahe drei Prozent.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Aus Sicht des Sparers wäre es sinnvoll, wenn der Langfristzins auf Staatsanleihen die Inflationsrate ausgleicht oder zumindest nicht negativ ist. Aus dieser Sicht wäre eine Verringerung der Interventionen hilfreich, damit sich die Kapitalmarktzinsen etwas normalisieren können.

Aber die EZB macht das Gegenteil und verschärft stattdessen ihren Kurs.

Die geldpolitische Rechtfertigung der EZB besteht darin, mehr Liquidität zu schaffen, damit die Nachfrage steigt. Die Hoffnung der Zentralbank ist, dass dieses Geld in die Wirtschaft fließt und ausgegeben wird. Dabei können wir aber nicht ignorieren, dass auch die Preise für Vermögenswerte enorm ansteigen, was wiederum die Nachfrage bremst, weil es Realeinkommen schmälert. Einerseits haben wir in Großstädten eine Diskussion um Mietdeckel, und gleichzeitig soll die Inflation noch erhöht werden. Fast alle Vermögenswerte sind eigentlich zu teuer – Anleihen, Aktien, Immobilien, Unternehmen. Daher funktioniert der beabsichtigte Nachfrageschub nicht so wie gewünscht.

Warum stößt die Theorie der Ökonomen hier an ihre Grenzen?

Weil die Menschen wissen, dass sie weiterhin Vorsorge betreiben müssen und sie nicht ihr ganzes Geld in den Konsum stecken können.

Ist Sparen eine spezielle deutsche Eigenart?

Auf europäischer Ebene hält man das Verhalten der Deutschen manchmal für ein Kuriosum, weil sie lieber sparen als viel zu konsumieren. Das Verhalten ist aber rational: Das deutsche Rentensystem enthält viel geringere Leistungsversprechen als die Rentensysteme anderer Länder.

Können Sie das etwas genauer erklären?

Die OECD hat in einer Studie einmal untersucht, wie viel Arbeitnehmer eigentlich an Rente bekommen, verglichen mit dem Nettolohn. Das Ergebnis zeigt: In Deutschland erhalten Rentner im Schnitt gerade einmal rund 50 Prozent des Nettoeinkommens der letzten Jahre.

Und in anderen Ländern?

In Frankreich bekommen Rentner im Schnitt rund 75 Prozent des Nettolohns, in Spanien sind es rund 80 Prozent, in Italien sind es sogar über 80 Prozent. In Deutschland sind die Menschen dagegen gezwungen, privat fürs Alter vorzusorgen – und das geht risikolos nur mit höheren Zinsen.

Oder die Bundesregierung akzeptiert die Nullzinspolitik der EZB und passt das Rentensystem so an, dass private Vorsorge nicht mehr nötig ist. An Geld mangelt es nicht: Der Staat ist ein großer Profiteur der EZB-Politik, da er durch Negativzinsen auf Staatsanleihen mit dem Schuldenmachen Geld verdient.

Damit müsste man aber zugeben, dass die Zentralbankpolitik enorme sozialpolitische Folgen hat und niedrige Zinsen zu einer großen Umverteilung führen. Ich halte es daher auch nicht für Zufall, dass derzeit in Deutschland so viel über die Grundrente oder den Deutschlandfonds diskutiert wird. Nur kann sich der Sparer selbst nicht aus diesem Dilemma befreien, und das ist das große Problem. Er bräuchte wieder eine Anlageform, die Sicherheit und Rendite garantiert. Insofern ist es sehr wichtig, auf europäischer Ebene auf die unterschiedlichen Sozialsysteme aufmerksam zu machen. So können diese sozialen Folgen besser berücksichtigt werden. Ansonsten laufen wir Gefahr, in eine Vorsorgekrise zu rutschen.

Interview: Sebastian Hölzle

Artikel 4 von 4