Weßling – Deutschlands Flugtaxi-Pioniere drücken aufs Tempo. Während Volocopter mit seinem elektrischen Kleinhubschrauber erstmals eine Runde über Singapur drehte (siehe unten), beginnt Rivale Lilium mit der Produktion seines kleinflugzeugähnlichen Elektromodells am Firmensitz in Weßling (Landkreis Starnberg). „Unser erstes Werk am selben Standort, wo unsere Ingenieure sind, wird uns große Vorteile in der Vorbereitung zur Massenproduktion bringen“, sagt Mitgründer und Firmenchef Daniel Wiegand.
Zahl der Mitarbeiter soll auf 500 steigen
Erste Prototypen des Lilium Jets werden derzeit von vorerst noch 50 Beschäftigten gebaut. Über dieses fertige Prototypenwerk hinaus ist eine zweite, größere Fabrik für die Großserie ebenfalls am Firmensitz im Bau, um 2025 einen vollständigen Passagierbetrieb an mehreren internationalen Standorten zu starten. Die genauen Routen sind noch offen. Einige hundert der 300 Stundenkilometer schnellen Elektroflieger sollen dann jährlich in Weßling gebaut werden können.
Derzeit tüfteln dutzende Ideenschmieden weltweit an Flugtaxis, wobei Deutschland ein Schwerpunkt ist. Lilium will bis 2025 in eigener Regie Strecken in Europa, Asien und Nordamerika und Asien bedienen. Insgesamt soll das Personal in der Fertigung bis dahin auf 500 Beschäftigte verzehnfacht werden. In London wird parallel dazu an einem neuen Standort Software zur Flugbuchung per Smartphone-App entwickelt, wozu ebenfalls mehrere hundert Jobs im Aufbau sind.
Derzeit beschäftigt Lilium gut 350 Mitarbeiter. Experten glauben, dass Flugtaxis „made in Germany“ auch das Zeug zum Exportschlager haben. „Wir haben hierzulande eine weltweit führende Automobil- und Luftfahrtindustrie und eine breit aufgestellte Digitalbranche“, sagt der Chef des heimischen IT-Branchenverbands Bitkom, Achim Berg. Das sei vom technischen Know-how her alles, was es zur Entwicklung von Flugtaxis brauche.
Neue Fortschritte beim Lilium-Jet unterstreichen das. Der innovative Elektroflieger hat soeben eine Testphase erfolgreich beendet. Konnte er im Mai erst schweben und in der Senkrechten nach oben und unten bewegt werden, fliegt das Gerät nun auch in der Horizontalen gut 100 Stundenkilometer schnell. „Der Lilium-Jet erfüllt unsere Erwartungen“, sagt Testflugchef Leandro Bigarella. Der Jet wechsle bemerkenswert reibungslos vom senkrechten in den horizontalen Flug. Das geschieht mittels schwenkbarer Elektrodüsen an den Flügeln. In der nächsten bis 2020 ausgelegten Testphase soll das Flugverhalten bei Höchstgeschwindigkeiten von 300 Kilometern pro Stunde erprobt werden. Damit wäre der Lilium-Jet allen Konkurrenten überlegen und nach Angaben seiner Konstrukteure das weltweit schnellste, vollelektrische senkrecht startende sowie landende Flugzeug. Die Batterie soll eine Stunde Vollgeschwindigkeit erlauben, was pro Ladung 300 Kilometer Reichweite ergibt.
Lilium könnte auch ins Umland fliegen
Anders als die meisten Flugtaxis in Planung könnte Lilium damit nicht nur relativ kurze innerstädtische Strecken bedienen, sondern auch weit ins Umland fliegen oder auch Städte verbinden. Den Energieverbrauch eines Lilium-Jet beziffern dessen Erfinder auf den eines Elektroautos auf gleicher Strecke. Dabei bietet der Elektroflieger fünf Sitzplätze.
Was kommerziellen Streckenbetrieb angeht, dürfte zeitlich allerdings Volocopter die Nase vorn haben. Das Unternehmen, an dem Daimler und dessen Großaktionär Geely aus China beteiligt sind, will bereits in zwei bis drei Jahren erste Strecken bedienen und als erstes Flugtaxi weltweit eine Zulassung für den Flugverkehr erhalten.
Aufgerüstet hat Lilium indessen auch personell. Vom renommierten Flugzeugbauer Airbus wurde soeben als neuer Programm- und Einkaufschef der erfahrene Experte Yves Yemsi abgeworben. Bei Airbus war er unter anderem für das Langstreckenmodell A350 verantwortlich.
Großes Interesse von Geldgebern
Finanziell muss demnächst dagegen noch spürbar aufgestockt werden. Geldgeber wie der chinesische Internetriese Tencent, Twitter-Mitgründer Ev Williams oder der deutsche Investor Frank Thelen haben bislang rund 100 Millionen Euro in Lilium gesteckt. Für weitere gut 400 Millionen Euro werden derzeit dem Vernehmen nach weitere Unterstützer gesucht, wobei das Interesse groß sein soll. Lilium selbst will das nicht kommentieren.