Zwickau – Die Zukunft beginnt in Sachsen. Volkswagen musste sich lange den Vorwurf anhören, den Wandel zur Elektromobilität eher auszubremsen denn zu beschleunigen. Nun will der weltgrößte Autobauer klotzen statt kleckern – und hat seine erste E-Großserie gestartet.
Zwickau heißt der Ort, an dem die wichtigste Umwälzung der jüngeren Konzerngeschichte ihren Ausgang nimmt. Zwischen Leipzig und dem Erzgebirge, fernab der sonst tonangebenden Schauplätze der Branche, hat VW große Teile seines Angebots von der alten in die neue Zeit überführt. Zwei Buchstaben stehen für das Projekt, das für viele Beobachter überfällig, aber auch nicht ohne Risiko ist: ID. Der erste Vertreter der Modellfamilie, ID.3, wird seit Montag hier produziert.
„Wir rüsten zum ersten Mal eine große Autofabrik komplett auf Elektro um“, sagt Vorstandschef Herbert Diess. Thomas Ulbrich, Vorstand E-Mobilität der Marke VW, spricht von einem „Systemwechsel, der sich über die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte vollziehen wird“.
Angela Merkel glaubt, dass der Umstieg gelingen kann. „Zwickau wird ein Eckpfeiler der deutschen Autoindustrie sein“, sagt die Kanzlerin vor der Belegschaft. In Halle 5, wo Scheinwerfer und Rückleuchten angebracht werden, wirft sie einen Blick in die Montage. Im Schlepptau: Diess und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Leiter Holger Hollmann sagt: „Wir fangen sachte an, mit derzeit sechs ID.3 pro Tag.“
Systemwechsel ist ein großes Wort. Im Fall des ID.3 scheint der Begriff jedoch angebracht. Bisher sind E-Autos größerer Reichweiten für viele Verbraucher noch ein teures und wegen des lückenhaften Ladenetzes unpraktisches Luxusprodukt. Der neue Elektro-VW zielt als Kompaktwagen mit einem Einstiegspreis von unter 30 000 Euro und Batterievarianten für bis zu 550 Kilometer aufs Massenpublikum. Insgesamt steckt VW bis 2023 mehr als 30 Milliarden Euro in die Elektrifizierung, weitere 14 Milliarden fließen in die Vernetzung und Assistenzsysteme.
Klar ist: Beim Ausbau der E-Mobilität ist Eile geboten, Deutschland hinkt hinterher. Beim „Autogipfel“ gestern Abend im Kanzleramt zurrten Bundesregierung und Autoindustrie darum eine höhere Kaufprämie fest. Beide Seiten übernehmen je zur Hälfte die Kosten, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr.
Die Prämie, die bislang nur bis Ende 2020 gilt, soll bis Ende 2025 verlängert werden. Wie aus einer Vorlage für das Spitzentreffen hervorgeht, soll der Zuschuss für E-Autos unterhalb eines Listenpreises von 40 000 Euro von 4000 auf 6000 Euro steigen. Für Plug-In-Hybride soll es statt 3000 dann 4500 Euro geben. Für teurere E-Autos gibt es künftig 5000, für teurere Plug-Ins 4000 Euro. Zudem fällt die Deckelung weg, der zufolge bislang nur E-Autos bis zu einem Netto-Listenpreis von 60 000 Euro gefördert wurden.