„Die Aktienmärkte sind gedopt“

von Redaktion

INTERVIEW Fondsmanager Jens Ehrhardt über Dax-Rekorde, Risiken und Zombie-Unternehmen

Die Börsen befinden sich momentan im Aufwind: Am Dienstag kletterte der deutsche Leitindex Dax zeitweise auf ein neues Jahreshoch, als er die Marke von 13 308 Punkten erreichte. Damit war er nur noch rund 300 Punkte von seinem Allzeithoch von knapp 13 600 Punkten entfernt. Wir sprachen mit dem Pullacher Fondsmanager Jens Ehrhardt über die Ursachen des Aktien-Booms und die Frage, ob an den Märkten noch Luft nach oben ist und der Dax auf einen neuen Rekord zusteuert.

In den USA könnte der Handelsstreit jederzeit eskalieren, der Brexit ist noch nicht vollzogen, die deutsche Industrie steckt in der Krise – und der Dax steht kurz vor einem Allzeit-Hoch. Wie passt das alles zusammen?

Zum einen besteht die Hoffnung, dass sich der Handelskrieg etwas entspannt. Das ist aber nicht das Hauptargument.

Sondern?

Aktienkurse an der Börse ergeben sich aus einem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Nachdem die EZB angekündigt hat, wieder Geld zu drucken, und auch die US-Notenbank das Steuer um 180 Grad gedreht hat, zieht die Nachfrage nach Aktien wieder an. Die Amerikaner wollen jetzt jeden Monat 60 Milliarden Dollar neu in Umlauf bringen. Da ist es nur logisch, dass viele Anleger wieder auf den Börsen-Zug aufspringen. Das ganze Geld muss schließlich irgendwo angelegt werden.

Wo läge der Dax, wenn die EZB ihre Geldpolitik längst normalisiert hätte?

Auf jeden Fall deutlich tiefer. Auf eine genaue Zahl möchte ich mich da nicht festlegen, das wäre zu viel Raterei. Man kann aber sagen, dass der Unterschied wirklich erheblich wäre.

Wie sehen die Finanzmärkte weltweit aus?

Nicht nur die EZB hat die Märkte aufgebläht. Weltweit sind die Aktienmärkte gedopt. Auch wenn das Doping in jeder Region der Welt anders aussieht: In den USA sehen wir das höchste Staatsdefizit in Friedenszeiten. Zusätzlich wirken die Aktienrückkäufe großer Konzerne wie Doping. In Deutschland wird die Exportindustrie durch den niedrigen Eurokurs gedopt. Hätten wir noch die D-Mark, wären derart hohe Ausfuhren gar nicht möglich. So ketzerisch es klingen mag: Ohne Draghi an der EZB-Spitze hätten wir in Deutschland eine deutlich schlechtere Konjunktur gehabt. Und Japan dopt bereits seit den 90er-Jahren mit hohen Haushaltsdefiziten. Das sind alles Faktoren, die die Konjunktur und damit die Aktienkurse über das normale Niveau hinausgehoben haben.

Baut sich hier eine riesige Spekulationsblase auf?

Zu glauben, das kracht bald alles zusammen, ist der falsche Gedanke. Denn die Notenbanken sind gezwungen, das Spiel weiter zu spielen. Auch unter der Führung von Christine Lagarde wird die EZB an der Politik des billigen Geldes festhalten und die Märkte weiter dopen.

Aus dem Sport wissen wir: Doping hat extreme Nebenwirkungen, bis hin zu Herzversagen. Welche Nebenwirkungen hat das Doping der Finanzmärkte?

Das Doping der Notenbanken hält beispielsweise Zombie-Unternehmen am Leben.

Das müssen Sie etwas näher erklären.

Zombie-Unternehmen sind Unternehmen, die hohe Schulden haben und ohne die niedrigen Zinsen ihre Schulden niemals bei der Bank zurückzahlen könnten. Anders formuliert: Bei einem höheren Zinsniveau würden Zombie-Firmen in die Insolvenz schlittern. Die EZB hat mit ihrer Politik Unternehmen herangezüchtet, die eigentlich am Markt nichts mehr verloren haben. Und leider behindert die Existenz der Zombie-Unternehmen das Geschäft der gesunden Firmen, weil sie ihnen Marktanteile streitig machen.

Wie hoch ist das Verhältnis der Zombie-Unternehmen gemessen an den gesunden Unternehmen?

Dazu gibt es alle möglichen Schätzungen, unter anderem vom Internationalen Währungsfonds. Teilweise werden Zahlen von bis zu 20 Prozent genannt.

Was bedeutet diese Gemengelage für Anleger? Einerseits locken am Aktienmarkt hohe Gewinne, andererseits beschreiben Sie immense Risiken.

Es gibt viele Crash-Propheten, aber nach über 50 Jahren in der Vermögensverwaltung muss ich sagen: Bislang ist die Welt nicht untergegangen. Theoretisch können die Notenbanken unbegrenzt Geld drucken und damit die Märkte stabilisieren.

Langfristig dürfte das aber die Inflation anheizen.

Völlig richtig. Die schlimmste Nebenwirkung, die auf Dauer sichtbar werden könnte, ist eine hohe Inflationsrate.

Ist das wahrscheinlich?

Eher nicht. Eine hohe Inflationsrate wäre nur dann zu befürchten, wenn wir aktuell auch eine höhere Verschuldung und eine höhere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes beobachten würden. Beides sehen wir derzeit aber nicht.

Zurück zur Ausgangsfrage: Auf was müssen sich Anleger einstellen?

Wir können im Dax im kommenden Jahr doch noch einmal deutlich höhere Kurse sehen, der Dax hat durchaus Potenzial, im Frühjahr auf ein neues Allzeit-Hoch zu steigen. Zudem stehen in den USA im nächsten Jahr Wahlen an, und in der Regel wird im Wahljahr noch einmal an allen Hebeln gezogen, um die Konjunktur anzukurbeln.

Wo sehen Sie den Dax im kommenden Frühjahr?

Sofern der Brexit einigermaßen geräuschlos über die Bühne geht und Trump nicht doch noch einmal irgendwie dazwischen schießt, kann ich mir 16 000 Punkte durchaus vorstellen.

Das ist eine mutige Prognose. Immerhin wären das mehr als 20 Prozent des derzeitigen Niveaus.

Immobilien sind inzwischen auch absurd teuer. Gut möglich, dass Aktien durch das Doping an den Finanzmärkten bald auch absurd teuer werden.

Interview: Sebastian Hölzle

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