Der deutsche Aktienmarkt nähert sich dem Ende eines fulminanten Jahres. Rund 25 Prozent haben die Kurse im bisherigen Verlauf zugelegt. Nur: Private Anleger waren wieder nur wenige dabei. Warum die Deutschen trotz Nullzins-Umfeld lieber sparen als in Aktien anlegen, wie es mit den Zinsen weitergeht und was der US-Wahlkampf mit den Kursen zu tun hat – darüber sprachen wir mit Martin Lück, dem Kapitalanlagestrategen von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt.
Eine Zinswende ist in weite Ferne gerückt – wie weit? Und wie sollten sich Anleger darauf einstellen?
Es wird nicht so sein, wie wir noch 2018 geglaubt haben, nämlich, dass die Europäische Zentralbank 2019 anfangen würde, die Zinsen zu normalisieren. Ob das Zinstief nun fünf oder zehn Jahre dauern wird, ist Spekulation. Wir müssen uns in Europa auf jeden Fall der Tatsache stellen, dass die Zinsen nicht so schnell steigen werden. Im Gegenteil ging es zuletzt sogar noch weiter nach unten. Eine zehnjährige Bundesanleihe, die einen Coupon von minus 0,4 Prozent hat, zeugt fürwahr von einer ungewöhnlichen Zinslandschaft.
Was können Anleger tun?
Sachwerte profitieren von den Niedrigzinsen. Also: Aktien, Immobilien, Edelmetalle. Wenn man nicht auf der Verliererseite sein will – viele sagen auch „enteignet“ von der Politik der EZB –, dann muss man in solche Sachwerte investieren.
Insbesondere mit Aktien tun sich die Deutschen traditionell schwer.
Stimmt. Aber Sparer werden in dieser Zinslandschaft be-straft. Wenn der Zinseszinseffekt wegfällt, muss ein Sparer viel mehr Geld aufwenden, um am Ende dasselbe Ergebnis zu erreichen. Die Menschen müssen umdenken, vor allem, wenn es um lange Zeiträume wie bei der Altersvorsorge geht.
Viele befürchten, dass sich am Aktien- und Immobilienmarkt bereits Preisblasen bilden, weil so viel Geld dorthin fließt. Sind diese Märkte nicht völlig überbewertet?
Nach allen gängigen Maßen, die wir für reale Anlagen haben, können wir sagen, dass es im Immobilienbereich punktuell Blasen gibt. Aber auf keinen Fall auf dem Gesamtmarkt. Von einer Immobilienblase spricht man, wenn die Mietrendite nicht ausreicht, um die Finanzierungskosten zu decken. Das ist in Deutschland nur in einigen Ballungsräumen der Fall, ich würde sogar sagen, es ist auf bestimmte Stadtteile oder sogar Straßen begrenzt. Das ist aber noch nicht bedrohlich.
Auch nicht in München?
Nein, auch wenn München sicher stärker betroffen ist als andere deutsche Großstädte.
Was ist mit den Aktienmärkten?
Die Bewertung der Aktienmärkte ist immer auch eine relative Bewertung, also im Vergleich zu anderen Anlageklassen. Aber selbst wenn wir nur mit den herkömmlichen Kategorien argumentieren, also zum Beispiel dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, dann sind die großen Aktienindizes zwar im Preis gestiegen, aber nicht so, dass es nicht zu rechtfertigen wäre – gerade vor dem Hintergrund der schwachen Alternativen auf der Zinsseite. Ich glaube allerdings, dass sich die Aktienkurse in Zukunft wieder stärker am Wachstum der Unternehmensgewinne orientieren werden.
Was bedeutet das in Prozent?
So in etwa fünf bis sechs Prozent im kommenden Jahr. Eine Performance wie 2019 werden wir nicht mehr schaffen. Wenn der Dax das Jahr so beendet, wie er jetzt steht, kommen wir ungefähr auf ein Wachstum des Index von 25 Prozent. 2019 war in jeglicher Hinsicht ein extrem ungewöhnliches Jahr, ein Jahr, wie ich es in meiner über 20-jährigen Tätigkeit noch nicht erlebt habe.
Welche Länder und welche Branchen würden Sie empfehlen?
Wir raten, die USA überzugewichten. Das liegt am stärkeren Wachstum und einer höheren Inflation. In den amerikanischen Indizes sind auch wesentlich mehr Technologieunternehmen vertreten. Das allein hat in der Vergangenheit für einen großen Unterschied in der Performance von Europa und Amerika gesorgt. Außerdem werden in den USA in viel stärkerem Umfang von den Unternehmen eigene Aktien zurückgekauft. Das heißt, der Gewinn verteilt sich auf weniger im Umlauf befindliche Aktien. Das ist gut für den Kurs. Aber auch so steigen die Gewinne von US-Unternehmen verglichen mit europäischen Unternehmen 2020 wahrscheinlich doppelt so stark, nämlich um die zehn Prozent.
Welche Rolle spielt der Umstand, dass im nächsten Jahr in den USA die Präsidentschaftswahl ist?
Das kommt verstärkend dazu. Solche Jahre sind selten ökonomisch schlechte Jahre, weil Amtsinhaber natürlich nicht wollen, dass ihnen die Konjunktur um die Ohren fliegt. Auch Donald Trump weiß, dass eine Wiederwahl vom Funktionieren der Volkswirtschaft und von den Kursen an der Wall Street abhängt. Deshalb wird er das Seine tun, dass alles 2020 auch vernünftig läuft.
Sie haben die Technologie-Konzerne angesprochen. Denen bläst der Wind momentan eher ins Gesicht. Selbst in den USA droht ihnen eine stärkere Regulierung. Muss das Anleger nicht bekümmern?
Doch, natürlich. Das muss man als Anleger genau beobachten. Es kommt auch drauf an, wer die Nominierung bei den Demokraten gewinnt. Sollte das Elisabeth Warren oder Bernie Sanders sein, muss mit einer deutlich stärkeren Regulierung gerechnet werden. Es fiel auch schon das Wort Zerschlagung. Wenn es eher Richtung Joe Biden oder Michel Bloomberg geht, dann wäre das deutlich weniger problematisch. Insgesamt sehe ich bei den US-Tech-Konzernen eine hohe Qualität, einen hohen Innovationsgrad und gute Kennzahlen mit guten Renditen und geringer Verschuldung.
Der heimische Anleger kauft aber gern Aktien aus dem Dax, weil er das Gefühl hat, die Unternehmen zu kennen.
Dazu muss man wissen, dass die Dax-Konzerne das meiste Geschäft im Ausland machen – und über die Hälfte ihrer Gewinne. Sie sind global tätig – keineswegs nur am Binnenmarkt.
Was bedeutet das?
Man kann darauf setzen, dass es im nächsten Jahr nur zu einer leichten Abschwächung des weltweiten Wachstums kommt und im Jahresverlauf sogar zu einer milden Erholung. Davon würden exportstarke Unternehmen stärker profitieren also solche, die auf den Heimatmarkt ausgerichtet sind. Da wären dann im Dax notierte Chemieunternehmen und selbst Autokonzerne dabei, wenn man geneigt ist zu sagen, die haben das Schlimmste hinter sich.
Vorausgesetzt, es gibt keine Eskalation im Handelsstreit.
Klar. Andererseits würde Deutschland von einer Deeskalation im Handelsstreit als Exportnation auch besonders profitieren.
Was könnte die Politik tun, um Aktienanlagen attraktiver zu machen?
Die Politik könnte steuerliche Anreize dafür setzen. Denn wenn um das Jahr 2030 die Baby-Boomer allmählich in Rente gehen, bekommt die dann im Erwerbsleben stehende Generation erhebliche Probleme, das zu finanzieren. Wir brauchen dringend eine stärker kapitalmarktgedeckte Altersvorsorge. Sowohl im Bereich der betrieblichen Renten als auch der privaten. Einen entsprechenden Ansatz gab es schon einmal Anfang der 2000er-Jahre.
Mit der Riester-Rente…
…die leider verpflichtend mit Garantiefunktionen ausgestattet war, die das Ganze zu teuer machten. Dabei ist das bei Anlagen, die über 15 Jahre laufen, gar nicht notwendig. Alle Statistiken belegen, dass Aktienanlagen nach 15 Jahren kaum Verlustrisiken mehr beinhalten.
Aber ein gewisses Risiko bleibt doch bei Aktien?
Ganz ohne jedes Risiko klappt die Altersvorsorge im Zinstief leider nicht. Da braucht man einen anderen Blickwinkel aufs Sparen. Sparen heißt dann nicht mehr Geld auf dem Sparbuch zur Seite zu legen, sondern Geld zu investieren. Investieren in die Aktien von Unternehmen heißt auch Teilhabe am Kapitalstock einer Volkswirtschaft. Sparer sollten zu Investoren werden.
Interview: Corinna Maier