Stuttgart – Drei Jahre lang konnte die Allianz Leben in Stuttgart als heimischer Branchenführer bei Lebenspolicen ihre Verzinsung konstant halten. Unter dem Druck um sich greifender Negativzinsen kündigen nun aber auch die Stuttgarter für 2020 an, ihre Gesamtverzinsung in der Lebensversicherung um 0,3 Prozentpunkte zu senken. Wer bei der Allianz noch eine klassische Police hält, darf nur noch auf 3,1 statt 3,4 Prozent Zins auf seine Sparbeiträge abzüglich Abschluss- und Verwaltungskosten bauen. Besitzer neuartiger Policen mit abgespeckten Garantien kommen auf 3,4 statt 3,7 Prozent.
„Eine gute Botschaft zur richtigen Zeit“, findet Allianz Leben-Chef Markus Faulhaber trotz dieser Rückgänge. In Zeiten von Null- und Negativzinsen seien das moderate Abschläge. Konkurrenten schlagen sich allerdings vereinzelt besser. So hat das Branchenschwergewicht Axa für 2020 eine gleichbleibende Verzinsung angekündigt. Gleiches gilt für DEVK oder Ideal.
Die meisten der immer noch gut 80 Lebensversicherer in Deutschland haben ihre Zinspläne für kommendes Jahr aber noch nicht offenbart. Traditionell gibt Branchenführer Allianz einen Fingerzeig, wohin es mit Lebenspolicen in Deutschland geht.
Danach geht die in Vorjahren kurzzeitig gebremste Talfahrt nun weiter. So erwartet die Ratingagentur Assekurata für 2020 im Branchenschnitt ein Absinken der laufenden Verzinsung von Lebenspolicen auf rund 2,30 Prozent. Im laufenden Jahr liegt der Branchenschnitt noch bei 2,46 Prozent.
Die laufende Verzinsung setzt sich aus zwei Komponenten zusammen, dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung. Die Allianz liegt trotz jetziger Absenkung in dieser Hinsicht weiter über dem Branchenschnitt. Sie kündigt für garantiereduzierte Policen 2020 eine laufende Verzinsung von 2,6 Prozent an, für klassische Policen 2,5 Prozent. Um zur Gesamtverzinsung zu kommen, muss man als dritte Komponente noch den Schlussüberschuss dazurechnen. Weil Lebenspolicen teils über Jahrzehnte laufen und in früheren Jahren das allgemeine Zinsniveau deutlich höher als heute war, schlummern in den Büchern der Assekuranz noch viele Verträge mit Garantiezinsen von bis zu vier Prozent.
Diese Versprechen sind heute von den Versicherern angesichts Null- und Negativzinsen an den Kapitalmärkten immer schwieriger zu erfüllen. Die heimische Finanzaufsicht Bafin beäugt die Branche deshalb zunehmend skeptisch. Mit dem Bundesfinanzministerium diskutiert sie derzeit eine erneute Absenkung des staatlich verfügten Garantiezinses für Lebenspolicen, der bei schon mageren 0,9 Prozent liegt. In dieser Situation sei eine Drei vor dem Komma bei der Deklaration des Zinsatzes für Lebenspolicen im kommenden Jahr ein starkes Signal, meint der Produktvorstand von Allianz Leben, Volker Priebe.
2019 sei für seine Branche ein turbulentes Jahr gewesen, das anfängliche Hoffnungen auf ein langsames Ende der Niedrigzinsphase mit dem Anschwellen von Negativzinsen ins Gegenteil verkehrt habe. Dennoch glaubt Priebe weiter an Lebenspolicen. „Noch nie war der Zinsabstand zwischen Lebenspolicen und anderen sicheren Formen von Vorsorgesparen so groß wie heute“, betont er.
Ob die nächsten Jahre dennoch weiter bröckelnde Zinsen für Lebenspolicen bringen, traut sich auch der Experte nicht abzuschätzen. Die Allianz versuche mit alternativen Anlagen wie die Finanzierung von Gewerbeimmobilien, Infrastrukturprojekten wie Autobahnen oder in Erneuerbare Energien entgegenzusteuern. Heute würden rund 40 von 286 Milliarden Euro Anlagegelder bei der Allianz Leben auf solche Anlageklassen entfallen. Binnen drei Jahren soll es ein Drittel sein.
In den ersten neun Monaten 2019 hat Allianz Leben 160 000 neue Lebenspolicen verkauft und damit nun 10,2 Millionen Verträge im Bestand. Jeder dritte neue Vorsorge-Euro fließt heute in die Taschen des Marktführers. Wohin der Trend bei Vorsorgeprodukten geht, könnte eine neue Rentenpolice namens Private Finance zeigen. Hier garantiert die Allianz nicht einmal mehr die Rückzahlung eingezahlter Gelder, wie das bei neueren und garantiereduzierten Lebenspolicen der Fall ist.
Wer in Private Finance anlegt, muss nun vollends auf die Anlageexpertise der Allianz vertrauen. Der Trend gehe weg von harten Garantien, so Priebe.
Altverträge bereiten Probleme
Die Zeit harter Garantien ist vorbei