Lagarde: „Wir werden jeden Stein umdrehen“

von Redaktion

Christine Lagarde gilt als Grande Dame der Finanzwelt. Seit Anfang November steht sie an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Jetzt hat die Französin erste Akzente gesetzt.

VON ROLF OBERTREIS

Frankfurt – Es dauert 16 Minuten bis Christine Lagarde vom üblichen Prozedere bei Pressekonferenzen der Europäischen Zentralbank (EZB) abweicht. Die 63-Jährige hat wie ihre drei Vorgänger das Statement zur Sitzung des 25-köpfigen Rates vorgetragen, die sie als neue und erste Präsidentin gerade geleitet hat. Lagarde wirkt ein wenig angespannt, vielleicht auch aufgeregt, aber je länger sie auf dem Podium spricht, desto souveräner agiert sie.

„So“ sagt die groß gewachsene Französin, nachdem sie das Geklicke der Fotoapparate von mehr als einem Dutzend Fotografen zwei Minuten lang hat über sich ergehen lassen. Gut 60 Journalistinnen und Journalisten warten gespannt, doppelt so viele wie sonst bei Pressekonferenzen der Notenbank. Sie wollen „Madame President“ live und nicht nur im Internet erleben, einen ersten Eindruck der nach der EU-Kommissionspräsidentin mächtigsten Frau in Europa gewinnen.

„Jeder Präsident hat seinen eigenen Stil zu kommunizieren“, sagt Lagarde in perfektem Englisch nachdem sie ihr Statement verlesen hat. Es legt dar, dass der Leitzins bei null und der Einlagezins für Banken bei minus 0,5 Prozent bleibt. Auch an den monatlichen Anleihekäufe für 20 Milliarden Euro ändert sich nichts. Das bestätigt, dass die EZB an ihrer großzügigen Geldpolitik auf unbestimmte Zeit festhalten wird, solange bis sich die Inflationsrate an die gewünschte Marke von knapp zwei Prozent annähert. Bis 2022 wird das aber nicht der Fall sein.

Sie werde ihren eigenen Stil finden, sagt Lagarde. Und nicht jede Äußerungen solle man bitte überinterpretieren. „Ich werde ich selbst sein“, lächelt Lagarde. „Soll ich Ihnen erst einmal die Gründe für eine Überprüfung unserer Strategie erläutern?“, fragt sie in die Runde bevor sie Fragen beantwortet. Eine solche Lockerheit hatte es in der EZB vielleicht unter den ersten beiden Präsidenten Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet gegeben. Aber nicht unter dem eher steifen Mario Draghi. In wenigen Worten macht Lagarde klar, dass sie die EZB anders führen wird.

Nach 16 Jahren sei es an der Zeit, die Strategie zu überprüfen und die Effektivität der einzelnen geldpolitischen Instrumente. „Wir werden jeden Stein umdrehen“, sagt sie. Das soll nicht im Elfenbeinturm der Notenbank passieren: „Ich will dabei das Europa-Parlament konsultieren genauso wie Wissenschaftler“, sagt sie. „Und Vertreter der Zivilgesellschaft. Wir hören die an, die unsere Politik betrifft.“ Sie nennt drei zentrale Elemente der Strategie-Analyse. Den massiven Strategiewandel, die „große“ Herausforderung des Klimawandels und die „zunehmende Ungleichheit in unseren Gesellschaften“.

Lagarde räumt aber ein, dass sie nach rund sechs Wochen im Amt noch in der Lernphase steckt. Sie wisse nicht alles, kenne nicht alle Abkürzungen. Eines weiß sie aber: „Wir sind uns der Nebenwirkungen unserer Geldpolitik bewusst.“ Sie weiß um die Kritik von Banken und Sparkassen, um die Sorgen deutscher Sparer. Und daran wird sich angesichts der Fortführung des Kurses zunächst auch nichts ändern.

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