München – Die EU drückt in Sachen Nachhaltigkeit aufs Tempo: Mehr Klimaschutz, eine bessere Führungskultur in Unternehmen und ein höherer Schutz von Arbeitnehmerrechten – das soll in Unternehmen immer wichtiger werden. Im Mai hat die EU-Kommission Vorschläge veröffentlicht, wie diese drei Kriterien in Unternehmen erreicht werden sollen.
Vereinfacht formuliert lassen sich die EU-Pläne so zusammenfassen: Kapitalströme sollen künftig verstärkt in nachhaltige Projekte und Firmen umgeleitet werden. Bei der Kreditvergabe sollen Betriebe bevorzugt werden, die umweltfreundlich produzieren. Ein komplizierter Anreizmechanismus soll das ermöglichen. Vergeben Banken Kredite an grüne Unternehmen, sollen sie dafür weniger Eigenkapital hinterlegen. Das soll dazu führen, dass grüne Betriebe bessere Kreditkonditionen für Investitionen erhalten.
Seit die EU-Pläne öffentlich sind, herrscht Alarmbereitschaft in der Finanzbranche. „Dabei unterstützt die Kreditwirtschaft eigentlich die Idee, die Klimaziele zu erreichen“, sagt Silke Wolf vom Bayerischen Bankenverband. „Der Klimawandel lässt sich ja nicht wegdiskutieren.“
Banken, Sparkassen und mittelständische Betriebe verzweifeln aber an der konkreten Umsetzung der gut gemeinten Idee aus Brüssel: „Die Kreditinstitute sollen künftig vorrangig nachhaltige Unternehmen finanzieren, aber Nachhaltigkeit zu definieren ist in der Praxis sehr schwierig“, sagt Verbandschefin Wolf. „Ist ein Hersteller von hochtoxischen Chemikalien, die für Photovoltaikanlagen verwendet werden, nachhaltig oder nicht?“, fragt sie. Die Abgrenzung sei kompliziert.
Für Mittelständler, etwa für kleine Handwerksbetriebe, dürfte die geplante Öko-Richtlinie zudem zu einem enormen bürokratischen Aufwand führen. Und gelingt es einem kleinen Betrieb nicht, seine Nachhaltigkeit nachzuweisen, bekommt er Geld von der Bank künftig nur noch zu schlechten Konditionen – oder er geht womöglich komplett leer aus.
„Die Vorschriften sind eigentlich für den Kapitalmarkt gemacht“, sagt Banken-Expertin Wolf. „Brüssel hat nicht berücksichtigt, dass sich vor allem in Deutschland der Mittelstand nicht über den Kapitalmarkt finanziert, sondern über Kredite von Banken.“
Entsprechend groß ist die Verunsicherung in der Wirtschaft. Vor allem der bayerische Mittelstand mit seinen zahlreichen Familienunternehmen ist besorgt: „Tritt eine EU-Richtlinie zur nachhaltigen Finanzwirtschaft in Kraft wie derzeit angedacht, bringt sie für die bayerischen Betriebe zahlreiche Nachteile mit sich“, sagt Manfred Gößl. Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Sie gefährde vor allem die Kreditversorgung des Mittelstands, wenn Finanzinstitute in Zukunft dazu angehalten wären, in der Kreditvergabe zuerst die als nachhaltig klassifizierten Unternehmen zu berücksichtigen.
„In dieser Klassifizierung muss sogar die gesamte Lieferkette des Unternehmens berücksichtigt werden“, sagt Gößl. „Das ist ein immenser bürokratischer Aufwand.“ Für die als weniger nachhaltig eingestuften Firmen würden Kredite eingeschränkt werden. „Das hätte unabsehbare Folgen für ihre Wettbewerbsfähigkeit.“
Noch ist die Öko-Richtlinie nicht beschlossen. Noch hoffen Kreditwirtschaft und Mittelstand, dass die geplanten Vorgaben noch einmal überdacht und angepasst werden. Ihre Forderung: „Die Regeln müssen einfacher und praktikabler sein“, meint Wolf.