„Anleger sollten sich nicht verrückt machen“

von Redaktion

INTERVIEW Aktienexperte Hans-Jörg Naumer von Allianz GI über Chancen und Risiken 2020

Die deutsche Industrie steckt in einer Rezession, weltweit trübt der Handelskonflikt zwischen den USA die Stimmung an den Finanzmärkten. Dank der lockeren Geldpolitik der Notenbanken laufen die Börsen weltweit dennoch heiß. Wir sprachen mit Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors, worauf sich Anleger im kommenden Jahr einstellen müssen.

Wie geht es mit der Konjunktur in Deutschland weiter?

Derzeit ist die Konjunktur zweigeteilt: Das verarbeitende Gewerbe hat nachgelassen, der Binnenkonsum ist aber nach wie vor stark. Ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die davon ausgehen, dass Europa oder auch Deutschland in den kommenden Jahren auf eine Rezession zusteuert. Das ist die gute Botschaft.

Und die Risiken?

Der Handelskonflikt wird im kommenden Jahr weiterhin die Konjunktur bestimmen.

Weil der US-Präsidentschaftswahlkampf den Handelskonflikt weiter zuspitzen wird?

Der Wahlkampf ist nicht das Problem. Trump muss ja hinbekommen, dass die Konjunktur ihm im Wahljahr in die Hände spielt. Deswegen kann er das Thema Handel zwar taktisch spielen und China verbal attackieren, er weiß aber auch: Die De-Globalisierung, die er vorantreibt, schafft nur Verlierer auf beiden Seiten. Und Trumps Wähler spüren ganz unmittelbar, dass beim Einkaufen bei Walmart die Preise steigen. Er wird versuchen den starken Mann zu markieren. Aber echte Zölle dürften wohl deutlich geringer ausfallen, um höhere Preise vom Konsumenten fernzuhalten.

Das klingt eher nach Entspannung und weniger nach Risiko.

Das Problem ist, dass noch immer nicht ausgeschlossen ist, dass am Ende alles aus dem Ruder läuft. Und da dieses Risiko besteht, halten sich Unternehmen mit Investitionen momentan zurück. Denn angesichts des Streits zwischen den USA und China wissen sie nicht, wo ihre zukünftigen Absatzmärkte liegen. Dabei bräuchten wir in der jetzigen Situation eigentlich dringend Investitionen.

Sollte Trump die Wahl verlieren: Würde mit einer Präsidentin oder einem Präsidenten der Demokraten an den Märkten wieder Ruhe einkehren?

Das ist ein Trugschluss. Auch ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin der Demokraten dürfte das Interesse verfolgen, die Chinesen so gut es geht auf Abstand zu halten. Das ist vor allem eine Reaktion auf Chinas Seidenstraßen-Projekt. Das klingt immer so, als würde ein neuer Marco Polo mit ein paar Kamelen von China nach Europa reisen. Aber hier geht es um einen massiven Ausbau der chinesischen Einflusssphäre. Und darauf werden auch die Demokraten in den USA re-agieren. Der Unterschied zu Trump wird sein, dass der Handelsstreit im Tonfall ruhiger ablaufen würde. In der Sache würde sich aber nichts ändern.

Was bedeutet das für Anleger? Sollten sie sich angesichts der Risiken mit Aktien zurückhalten?

Ganz sicher nicht. Man kann Anlegern immer wieder nur zurufen: Wartet nicht darauf, bis der Handelsstreit vorbei geht. Allein schon aus Gründen der Altersvorsorge bleibt Sparern heute gar nichts anderes übrig, als ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen.

Wie sollten Anleger vorgehen?

Ich bin ein großer Fan von Sparplänen. Dabei wird regelmäßig ein fester Geldbetrag beispielsweise in einen Fonds eingezahlt.

In Deutschland liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen bei knapp 2000 Euro. Wie viel davon sollte ein Arbeitnehmer monatlich in einen Sparplan investieren?

Grundsätzlich sind zehn Prozent eine gute Einstiegsgröße. Jeder wird das natürlich nicht schaffen, aber in diesem Rahmen sollte sich ein Engagement bewegen.

Der Dax bewegt sich momentan in der Nähe eines Allzeithoches. Je höher die Kurse steigen, desto eher denken Menschen darüber nach, ihr Geld in Aktien anzulegen – selbst wenn sie sich mit dem Thema noch nie befasst haben. Sind solche Höchststände nicht ein denkbar schlechter Zeitpunkt für den Einstieg?

Für einen Sparplan ist immer der richtige Zeitpunkt. Da gibt es keinen Grund, keinen zu machen. Außer man ist zu alt und hat schon alles und will das Vermögen den Kindern vererben. Dann sollte man eher auf Sicherheit setzen. Als Daumenregel gilt: Egal was die Märkte machen, egal was Trump twittert, egal was die EZB macht, egal ob das ifo-Geschäftsklima steigt oder fällt: Je jünger, desto höher sollte die Aktienquote sein. Junge Menschen unter 30 sollten fast ihr gesamtes Erspartes in Aktien investieren.

Das setzt Nervenstärke voraus.

Aber es ist doch so: Es gibt in jedem Jahr neue Risiken, irgendwas ist an den Märkten immer los. Hier wird es nie langweilig. Und wenn Anleger warten, bis das letzte Risiko vom Tisch ist, dann ist die Rendite weg. Insofern darf man sich da nicht verrückt machen lassen. Anleger sollten sich weder von starken Schwankungen noch von Negativzinsen verunsichern lassen.

Sondern?

Wenn es Sparern jetzt nur darum geht, den Negativzinsen auf Teufel komm raus zu entgehen, dann machen sie vermutlich Fehler, weil sie zu hohe Risiken eingehen. Auch wer einen hohen Betrag investieren möchte, es gilt immer die Grundregel: Struktur vor Taktik. Erst überlegen, was ist mein Risikoprofil. Dann erst kaufen. Auch können dividendenstarke Unternehmen eine Airbagfunktion erfüllen. Denn solche Aktien schwanken nicht so stark.

Wo sehen Sie den Dax im kommenden Jahr?

Das wird ein sehr sehr anstrengendes Jahr. Ich sag das ungern, weil ich auch lieber eine Prognose abgeben würde, dass der Dax auf über 15 000 Punkte steigt. Aber leider gibt es momentan kaum noch Luft nach oben.

Interview: Sebastian Hölzle

Artikel 3 von 5